Stammzellen der ersten Stunden

11. März 2013, 07:55
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Nabelschnurblut enthält wertvolle Stammzellen - Ob Eltern von Neugeborenen diese für eventuell spätere Erkrankungen einfrieren lassen sollen, ist umstritten

Eine lebenswichtige Investition in die Zukunft Ihres Kindes: So lautet die Kernbotschaft auf den Homepages privater, kommerzieller Nabelschnurblut-Banken. "Wer die Nabelschnur seines Nachwuchses einfrieren lässt, sichert sich damit eine kostbare Ressource. Die im Blut enthaltenen Stammzellen bieten dank ihres regenerativen Potenzials die Chance, später gefährliche Krankheiten zu heilen", erklärt Michael Feuchtmüller, medizinischer Berater des privaten Cord Blood Center Österreich in Wien. Genesung dank eigener, tiefgekühlter Zellen. Der Sinn einer privaten Einlagerung ist unter Fachleuten jedoch umstritten. Die Kosten sind zu hoch, die Nutzungsmöglichkeiten minimal, meinen Kritiker.

Ammar Hayani, Facharzt am Advocate Children's Hospital in Oak Lawn, US-Bundesstaat Illinois, war 2007 der Erste, der zusammen mit seinen Mitarbeitern eine erfolgreiche autologe Nabelschnur-Stammzellentransplantation bei einem Mädchen mit Leukämie durchführte. Hayanis damals dreijährige Patientin wurde zunächst konventionell medikamentös behandelt. Die Wirkung war gut, die entarteten Blutzellen verschwanden. Nach nur zehn Monaten jedoch bekam das Kind einen Rückfall. Offenbar hatten sich Leukämie-Zellen, sogenannte Lymphoblasten vom Typ ALL, im zentralen Nervensystem eingenistet und dort die Behandlung überstanden. Eine leider nicht so seltene Komplikation.

"Ihr Rückfall trat sehr früh ein", berichtet Hayani im Gespräch mit dem STANDARD. In solchen Fällen sind die bösartigen Lymphoblasten oft resistent gegen Chemotherapie, das Risiko einer nichtanschlagenden Behandlung ist deshalb besonders hoch. Aber es bot sich noch eine andere, seltene Möglichkeit. Die Eltern des Mädchens hatten Nabelschnurblut bei einer privaten Blutbank einfrieren lassen. Es gab also eine Reserve an besonderen Stammzellen.

Frage der Abwägung

Das behandelnde Ärzteteam hätte auch Stammzellen direkt aus dem Blut oder Knochenmark des Kindes gewinnen können, doch ein solches Präparat kann unter Umständen bereits entartete Zellen enthalten. Diese Gefahr besteht allerdings prinzipiell auch bei Nabelschnurblut. Kindliche Leukämie ist in einigen Fällen offenbar angeboren. Um diese Gefahr zu umgehen, ließ Hayani das konservierte Blut auf genetische Abweichungen testen. "Wir wollten der Patientin nicht ihre Leukämie zurückgeben", sagt er. Hundertprozentig ausschließen ließ sich das gleichwohl nicht. Es war eine Frage der Abwägung.

Die Eltern stimmten der experimentellen Behandlung zu. Das Kind wurde einer radikalen Strahlen- und Chemotherapie unterzogen und bekam anschließend Stammzellen aus seiner eigenen Nabelschnur verabreicht. Nach 15 Tagen nisteten sich die Zellen ein, die Produktion neuer, gesunder Blutkörperchen begann. Heute ist das Mädchen acht Jahre alt, gesund und geht normal zur Schule, erzählt Ammar Hayani stolz. "Es geht ihr großartig."

Kosten und Nutzen

Trotz dieses Erfolgs steht Hayani so wie viele seiner Kollegen der Einrichtung privater Nabelschnurblut-Banken eher skeptisch gegenüber. "Es ist nicht kosteneffektiv." Die Chance, dass persönlich eingelagertes Blut jemals für autologe Zwecke genutzt werden kann, schätzt der Mediziner auf höchstens 1:2000. Andere Fachleute gehen gar von nur 1:10.000 bis 1:250.000 aus. Und in der Tat hält sich die Anzahl der bisher durchgeführten autologen Nabelschnurblut-Transplantationen sehr in Grenzen. In der Fachliteratur gibt es kaum mehr als eine Handvoll konkreter Fallbeschreibungen. Letztes Jahr berichtete ein Expertenteam aus Taiwan über die erfolgreiche Behandlung eines Kleinkindes mit einem fortgeschrittenen Neuroblastom-Tumor durch den Einsatz von eigenen Nabelschnurblut-Stammzellen (vgl.: Bone Marrow Transplantation, Bd. 48, S. 317). Ein seltenes Beispiel.

Franklin Smith, Kinderarzt an der Universitätsklinik von Cincinnati, USA, sagt der Verwendung von Nabelschnurblut zu therapeutischen Zwecken dennoch eine große Zukunft voraus. "Öffentliche Nabelschnurblut-Banken bieten eine gewaltige Ressource, die möglichst breit zugänglich gemacht werden sollte." Allogene Transplantationen, also solche mit Stammzellen aus Spendermaterial, werden bereits vielseitig eingesetzt, und die Erforschung weiterer Anwendungsmöglichkeiten macht enorme Fortschritte. Was die privaten Nabelschnurblut-Banken betrifft, hebt Smith die Rolle der Eltern und ihre Entscheidung hervor. Sie müssen realistisch über den Nutzen informiert sein. "Ist es wirklich das Geld wert?" Vielleicht wäre es besser in die Ausbildung investiert, meint der Mediziner. Der finanzielle Aspekt, betont Smith, könnte auch juristische Konsequenzen haben, wenn Eltern die jährlichen Kosten der Lagerung nicht mehr tragen können. "Wer ist dann der Eigentümer dieser Zellen, und was passiert mit ihnen?"

Für Feuchtmüller ist die Bedeutung von öffentlichen Nabelschnurblut-Banken ebenfalls unumstritten. Das Mutterunternehmen des österreichischen Cord Blood Centers betreibt eine solche in der Slowakei - mit großem Zuspruch. "Wer sich die private Einlagerung nicht leisten kann, sollte das Nabelschnurblut spenden", bittet der Mediziner, "es ist viel zu wertvoll, um es als biologischen Abfall verschwinden zu lassen." (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 11.3.2013)

Ersatzteillager im Blut

Die Möglichkeit, Leukämie und einige andere Krankheiten mittels Stammzellen, unter anderem aus Nabelschnurblut, zu heilen, beruht auf der Fähigkeit der Zellen, neues Knochenmark zu bilden. Bei einer autologen Transplantation werden zuerst eigene Stammzellen entnommen und später, nach Zerstörung des krankheitsbefallenen Gewebes durch Chemotherapie und Bestrahlung, wieder eingesetzt. Für allogene Transplantationen verwenden die Ärzte Material eines Spenders. Stammzellen von Geschwistern oder anderen Familienangehörigen sind oft besonders gut geeignet, weil sie meist über ähnliche biochemische Merkmale verfügen. Das Immunsystem greift sie deshalb nicht so schnell an, Abstoßungsreaktionen sind seltener.

Kryokonservierung: Die Lagerung von Stammzellen erfolgt bei -196° C in flüssigem Stickstoff, zuvor werden sie bei circa -70° C eingefroren. Noch weiß niemand genau, wie lange auf diese Weise eingelagerte Stammzellen lebens- und teilungsfähig bleiben. Die österreichische Ages und andere staatliche Behörden haben für kryokonservierte Zellen kein Mindesthaltbarkeitsdatum festgelegt. Eine US-Forschergruppe konnte 2011 nachweisen, dass 23,5 Jahre lang eingefrorene Nabelschnurblut-Stammzellen noch vital waren.

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    Blut aus der Nabelschnur enthält Stammzellen mit einzigartigem regenerativem Potenzial.

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