Nabelschnurblut: "Zurzeit noch keine wissenschaftliche Evidenz"

Interview11. März 2013, 07:46
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Wer braucht Nabelschnurblut? - Die Transplantationsmedizinerin Hildegard Greinix gibt Auskunft über die Vorteile öffentlicher Nutzung und privater Vorsorge

STANDARD: Wie beurteilen Sie die Einsatzmöglichkeiten von Stammzellen aus Nabelschnüren für Transplantationstherapien?

Greinix: Man muss zwischen autologen und allogenen Nabelschnurblut-Transplantationen unterscheiden. Bei allogenen hat man in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte erzielt. Es werden heute Nabelschnurblut-Präparate von mehreren nicht verwandten Spendern gemeinsam transplantiert. Dadurch hat man auch für die Leukämiebehandlung von Erwachsenen genug Stammzellen zur Verfügung. Der Vorteil ist: Weil die Zellen noch nicht so weit entwickelt sind, müssen bei Nabelschnurblut nur vier von sechs Gewebemerkmalen zwischen Spender und Empfänger übereinstimmen, bei Zellen eines Lebendspenders müssen es dagegen neun von zehn sein. Man findet für Nabelschnur-Stammzellen also leichter passende Spender. So können fast alle Patienten ein geeignetes Transplantat erhalten.

STANDARD: Haben sich Transplantationen mit Stammzellen aus dem eigenen, tiefgekühlt gelagerten Nabelschnurblut bereits bewährt?

Greinix: Es gibt weltweit erst wenige Beispiele für einen erfolgreichen Einsatz zur Therapie von Malignomen, in einigen Fällen wäre auch eine Behandlung mit direkt aus dem Blut des Patienten gewonnenen Stammzellen möglich gewesen. Zurzeit gibt es noch keine wissenschaftliche Evidenz, die die Einlagerung von Nabelschnurblut für alle rechtfertigt.

STANDARD: Welche Risiken gibt es?

Greinix: Bei einer Behandlung von Leukämie-Patienten mit eigenem Nabelschnurblut fehlt ein wichtiger Immuneffekt. Bei eigenen Zellen gibt es nämlich keine Fremderkennung, damit fällt der sogenannte Graft-versus-Leukemia- Effekt weg. Immunzellen eines Fremdspenders wenden sich dabei gegen die Leukämie-Zellen des erkrankten Empfängers. Dadurch wird bei akuter Leukämie das Rückfallrisiko von 80 Prozent auf 20 Prozent gesenkt. Genau deshalb nimmt man bei Leukämie bevorzugt Fremdspender-Zellen.

STANDARD: Welche Einsatzmöglichkeiten von Nabelschnurblut halten Sie für zukunftsträchtig?

Greinix: Sie könnten künftig einen Stellenwert in der regenerativen Medizin bekommen etwa zur Neuroregeneration oder bei der Behandlung schwerer Organschäden. Es erscheint mir jedoch unrealistisch, autologe Zellen 40, 50 Jahre lang zu lagern und sie dann zur Therapie von Krankheiten, die erst im fortgeschrittenen Alter auftreten, einzusetzen. Und es gibt in einem halben Jahrhundert sicher auch schon bessere Behandlungsmethoden. Durch die Selektion und Kultivierung ausgewählter Nabelschnurblutzellen könnten Zellen entwickelt werden, welche praktisch universell einsetzbar wären. Sie würden nicht als fremd erkannt werden und könnten sich zu verschiedenen Gewebetypen wie Herzmuskel, Pankreas- oder Nervengewebe differenzieren. Damit würde man vielen Erkrankten helfen können.

STANDARD: Was halten Sie von privaten Nabelschnurblut-Banken?

Greinix: Die Lagerung von autologen Zellen wird empfohlen, wenn es schon Kranke in der Familie gibt, die eine Knochenmark- oder Blutstammzelltransplantation zur Behandlung von Leukämie, einer angeborenen Stoffwechselkrankheit oder einer Immunschwäche benötigen. Wenn es Eltern aber zu reinen Vorsorgezwecken machen wollen, sollten sie wissen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Verwendung sehr gering ist. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 11.3.2013)

 

Hildegard Greinix ist Leiterin des Programms für Transplantationsimmunologie am Wiener AKH.

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