Mantra mit den Sängerknaben

10. März 2013, 21:11
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Nihilismus wird spirituell: Ragnar Kjartansson will im Wiener Augarten mit Performance verführen

Wien - Wie Nixen hatte er seine blonden Nichten inszeniert; sechs Stunden saßen die isländischen Meerjungfrauen 2011 auf der Art Basel Miami Beach inmitten ihrer azurblauen Laken wie in einem Wellenmeer und sangen die immergleichen Zeilen über die Liebe. "Wenn man etwas so lange wiederholt, wird es zu einem Mantra", sagt Ragnar Kjartansson über sein künstlerisches Prinzip der Langzeitperformance und des dauerhaften Repetierens des Immergleichen. Etwas sonderbar Religiöses stelle sich mit der Zeit ein, erläutert der 1976 in Reykjavík geborene Sohn von Theaterschauspielern: "Wiederholung ist die Essenz des Spirituellen."

Dass auf diese Weise selbst das Nihilistische zu einem religiösen Mantra wird, hatte der Isländer daher vermutlich auch für sein jüngstes Projekt im Blick - einer Performance mit den Wiener Sängerknaben vergangenen Donnerstagabend im Augarten.

Nicht bei sich im Konzertsaal, sondern bei den Nachbarn von TBA21 zu Gast, fädelten sich die süßen Knirpse auf der Bühne auf, um zu einer polyfonen Variation auf die Zeilen "There are stars exploding around you. And there is nothing, nothing you can do" anzuheben - vor sich eine bunte Kunstgemeinde, deren eine Hälfte bisweilen ins Bierglas kicherte, deren andere die Engelsstimmen der Knäblein in Ekstase hoben.

Selbst mit den Weihnachtsplatten der Sängerknaben aufgewachsen, fand der Künstler es besonders reizvoll, die Buben wohl erstmals eine Art nihilistischen Gospel singen zu lassen. Meistens lässt Kjartansson, der Hipster mit Karl-Marx-Bart, nicht performen, sondern stürzt sich selber in den Exzess. Denn an der Kunst interessiert den 36-Jährigen der Kick. Täglich acht Stunden sang er 2008 auf der Manifesta 8 im Smoking Schumanns Dichterleben, gab 2011 im Frankfurter Kunstverein den Sinatra: Stimmölung mit Perlwein und Zigarre. 2009 schlüpfte er auf der Biennale Venedig in die Rolle des romantischen Künstlers, der einsam im Palazzo Leinwände füllt und Flaschen leert.

Es sind die Rollenklischees vom Künstler, die Kjartansson regelrecht parodiert: Die exzessive Party einer Jam-Session, wie er sie 2011 in Wien vorführte, verlegte er für die - nach Zürich und New York nun in Wien präsentierte - Filminstallation The Visitors (dem Ausgangspunkt für Stars Exploding) in die hippieeske Bohemien-Welt eines heruntergekommenen Herrenhauses: der Rokeby-Farm in Upstate New York, einem der letzten Anwesen im Hudson Valley, das noch in Familienbesitz ist.

Eine geschichtsträchtige Kulisse für die musikalische Improvisation über eine Gedichtzeile: "Once again I fall into my feminine ways ..." Neun Musiker formen (ob auf der Bettkante oder in der Badewanne) in neun atmosphärisch aufgeladenen Räumen ein sentimentales Stück Musik. Die Flucht in eine Parallelwelt, an Orte, wo die Zeit stehengeblieben scheint, ist ein Eskapismus, den The Visitors beschreibt. Kjartansson zielt aber diesmal auf das Publikum ab. Das lässt sich nur allzu gern von Schönheit einlullen. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 11.3.2013)   

Bis 16. Juni

  • Lullaby für die Massen: Ragnar Kjartanssons filmische Installation "The Visitors".
    filmstill: kjartansson

    Lullaby für die Massen: Ragnar Kjartanssons filmische Installation "The Visitors".

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