"Die Neupositionierung ist mir wichtig"

Interview10. März 2013, 20:55
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Nach zehnjähriger Schließzeit wurde die Albertina 2003 wiedereröffnet - Direktor Klaus Albrecht Schröder über Vergangenheit und Zukunft des Hauses

STANDARD: Wenn Ihr Vertrag demnächst verlängert wird, werden Sie 2020 zwei Jahrzehnte Albertina-Direktor gewesen sein. Finden Sie das nicht selbst ein bisschen lang?

Schröder:  Walter Koschatzky war 24 Jahre, der legendäre Josef Meder noch länger, Albertina-Direktoren sind offensichtlich lange im Amt - die wichtigen zumindest. (lacht) Vielleicht, um Dinge nachhaltig ändern zu können. Gewiss, die größten Veränderungen habe ich bereits hinter mir: Erweiterung, Umbau, Renovierung, Gründung zweier neuer Sammlungen - Fotografie und klassische Malerei -, inhaltliche Neupositionierung. Aber ich habe mich nicht mit Lorbeeren beworben, die ich mir verdient habe, sondern mit Vorstellungen über die Zukunft.

STANDARD:  Und wie lauten die?

Schröder:  Durch die Renovierung der Prunkräume wurde die Albertina zu einem Erinnerungsort österreichischer Geschichte. In fünf Räumen vor dem Musensaal wollen wir mit der Albertina konnotierte Ereignisse aufarbeiten. Die wenigsten wissen etwa, dass Ritter von Köchel ein Vierteljahrhundert in der Albertina gelebt und das Köchelverzeichnis geschrieben hat. Oder dass am 4. Juli 1776, dem Tag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, Herzog Albert das Gründungsdokument der Albertina übergeben wurde.

STANDARD:  Welche Fallen drohen bei einer so langen Direktion?

Schröder:  Dass man wie ein Schauspieler agiert, der mit einer gewissen Geste oder Mimik Erfolg hat und das immer, auch an unpassenden Stellen, wiederholt. Als Museumsdirektor weiß man ebenfalls über die Jahre, was zu tun ist, um das Publikum zu gewinnen.

STANDARD:  Daher Blockbusterisierung der Kunst?

Schröder:  Ich habe Retrospektiven schon als Direktor im Kunstforum forciert und hier in der Albertina fortgeführt. Am Donnerstag eröffnen wir die hundertste Ausstellung seit der Wiedereröffnung, unter diesen hundert waren sicherlich sechzig Studioausstellungen, die nicht die Vorstellungen des Blockbuster-Erfolgs erfüllten. Parallel zu Dürer zeigten wir beispielsweise Günter Brus. Von der halben Million Dürer-Besucher sahen drei Viertel auch Brus. Die damals im Mak stattfindende Muehl-Ausstellung hatte leider nur 3000 Besucher. Nicht weil sie schlechter war. Sondern weil ihr ein Zugpferd wie Dürer fehlte.

STANDARD:  Eine oft geäußerte Kritik: Sie würden die Grafische Sammlung Albertina zunehmend in ein Kunstmuseum verwandeln.

Schröder: Die Albertina ist nicht mehr die größte grafische Sammlung, sondern sie hat die größte grafische Sammlung der Welt. Diese Neupositionierung ist mir wichtig! In jedem Vorwort einer grafischen Sammlung war zu lesen, die Zeichnung sei der Malerei und den anderen Künsten ebenbürtig. Gleichzeitig gab man sie in Wechselrahmen, steckte sie hinter Plexiglas und zeigte sie in schlecht beleuchteten Studiensälen als elitäres Produkt für eine Minderheit: Bildungsbürgertum, 60 plus. Doch seit der Expansion der Künste in den 1960er-Jahren hat die Zeichnung längst das Blatt Papier verlassen.

STANDARD: Wie geht es der Albertina finanziell? Im letzten STANDARD-Interview ("Wir sind in einer wirtschaftspolitischen Eiszeit") forderten Sie noch eine Subventionserhöhung.

Schröder:  Der Jahresumsatz beträgt etwa 18 Millionen Euro, 7,6 Millionen davon kommen vom Staat, der Rest wird selbst verdient. Beim Um- und Erweiterungsbau wurden ganze Trakte privat finanziert. Unser Rückgrat für den laufenden Betrieb aber ist der Besucher: 60 Prozent finanzieren wir über Eintrittskarten. Man kann um mehr Geld bitten. Oder ein relevantes Ausstellungsprogramm machen. Wir entschlossen uns zu Letzterem. Ich sehe die gesamtwirtschaftliche Entwicklung: In Krisenzeiten werden Staatshaushalte nicht mehr Geld in die Kultur investieren können. Aber wir haben großzügige Sponsoren und Stifter, wie die Sammlung Batliner.

STANDARD:  Wie sehr machen Sie sich dadurch von Stiftern und Schenkern abhängig?

Schröder:  Museen können großen Sammlungen etwas anbieten, was sie selbst nicht haben: Dauer, Nachhaltigkeit. Alle internationalen Museen leben von diesen Sammlern, keines kann nur aus eigenem Budget die Sammlung erweitern. Nicht Abhängigkeit, sondern Partnerschaft ist das Ziel.

STANDARD:  Partnerschaft, in der man sich die Mitgift aber nicht wirklich aussuchen kann?

Schröder:  Auch das ist auf der ganzen Welt so: In den Depotbeständen unterscheiden sich die Sammlungen nicht, sondern in den Schaustücken. Wir haben von Batliner etwa 500 Werke übernommen, da sind sicherlich welche dabei, die noch niemand gesehen hat und auch nicht zu sehen braucht. Wichtig sind die 250 Gemälde, die wir zeigen. Aber wir bekommen auch viele bedeutende Künstlerschenkungen: Jean Scully hat der Albertina seine gesamte Druckgrafik sowie Aquarelle, große Pastelle und schließlich - über einen amerikanischen Sammler - große Gemälde um eine Million Dollar geschenkt. Alex Katz hat uns fünfzig Zeichnungen, vier Kartons und jüngst ein weiteres Monumentalgemälde geschenkt, Lassnig 65 Aquarelle, Rainer hunderte Werke. Das ist ein Zeichen für die qualitätvolle Arbeit unseres Hauses: Die Künstler legen Wert darauf, gültig präsentiert zu werden.

STANDARD: Keine Selbstkritik in der Jubiliäumsbilanz?

Schröder: Ich stelle meine Arbeit laufend infrage und diskutiere sie. In dem Augenblick, da ich meine, etwas falsch zu machen, habe ich die Möglichkeit, es zu ändern. Und ich bin nicht der Typ, der sich mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt, sondern lieber mit der Zukunft der Albertina.     (Andrea Schurian, DER STANDARD, 11.3.2013)

Klaus Albrecht Schröder (56), gebürtiger Linzer, leitete zwölf Jahre das Bank Austria Kunstforum, ehe er 1999 zum Albertina-Direktor berufen wurde.

Terminhinweis: 11. 3., 18.30 Uhr, Musensaal der Albertina: Klaus Albrecht Schröder im Gespräch.

  • "Die Albertina ist nicht mehr die größte grafische Sammlung, sondern sie hat die größte grafische Sammlung der Welt": Klaus Albrecht Schröder, seit 2000 Direktor des Hauses, steht für die Umwandlung der Albertina in ein Kunstmuseum.
    foto: standard / heribert corn

    "Die Albertina ist nicht mehr die größte grafische Sammlung, sondern sie hat die größte grafische Sammlung der Welt": Klaus Albrecht Schröder, seit 2000 Direktor des Hauses, steht für die Umwandlung der Albertina in ein Kunstmuseum.

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