Totenzirkus

Kommentar10. März 2013, 18:15
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Das Naturhistorische Museum öffnet sich Gunther von Hagens "Körperwelten"

Die Leiche einer Schwangeren ist lasziv in Pin-up-Pose drapiert, die Haut kunstvoll abgezogen, der Fötus freigelegt: Wer dieses und andere Exponate vor Jahren im Wiener Messezentrum gesehen hat, dem sind die Körperwelten in ihrem penetranten Voyeurismus wohl noch länger ins Gedächtnis gebrannt.

Bald gibt es mehr davon, diesmal aber an bester Adresse: im gut subventionierten Herzen der Kulturnation. Das Naturhistorische Museum öffnet sich ab Mittwoch Gunther von Hagens und seinem Leichenzirkus. Wie stets bei diesen Freakshows werden zigtausende Besucher Schlange stehen. Freilich nur, um sich anatomisch zu bilden: Ist doch im Sinn der Aufklärung, gehäutete Versehrte mit Krücken und baumelndem Gemächt zu begaffen! Äh. Wer Sensationsgier und das kühle Prickeln des Schauders als Motive vermutet, kann nur ein verklemmter Feind der Volksbildung sein.

Schon klar: Auch das Staatsmuseum ist dazu verdammt, nach Besuchern zu gieren. Beim Begaffen spektakulär zurechtgemachter Toter aber hat speziell das Naturhistorische als direkter Nachfolger des kaiserlichen Naturalienkabinetts eine sehr belastete Geschichte: Angelo Soliman, schwarzer Gelehrter im Wien des 18. Jahrhunderts, wurde nach seinem Tod dort ausgestopft und ausgestellt – als halbnackter "Wilder" mit Lendenschurz und Federkrone. Aber nur bis 1806, danach war derlei krude Sensa tionsheischerei offenbar auch dem Kaiser zu peinlich. (corti/DER STANDARD, 11.3.2013)

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