Neue Unruhen in Ägypten: Pulverfass Polizei

10. März 2013, 18:02
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Die Polizei fühlt sich vom Staat im Stich gelassen - und driftet ab in Richtung dritte Macht

Auf den ersten Blick sind die neuen gewalttätigen Unruhen in Ägypten einem Konflikt zwischen den Ultras zweier immer schon verfeindeter Fußballklubs, al-Ahly und al-Masry, geschuldet, wobei auch ihre Herkunftsorte, Kairo und Port Said, mitspielen: Die Stadt am Suezkanal, die während der Kriege mit Israel stark gelitten hat, ist einmal mehr davon überzeugt, dass sie von der Politik dem riesigen Wasserkopf am Nil geopfert wird. Da sich auch die neuen Herren in Ägypten, die Muslimbrüder, nicht gegen Kairo stellen können, sollen 21 Masry-Fans für die 72 Todesopfer bei Ausschreitungen bei einem Fußballspiel vor einem Jahr mit ihren eigenen Leben büßen. Die Todesurteile wurden am Samstag bestätigt.

Die neuen Proteste und Auseinandersetzungen wären schon gefährlich genug in diesen für Ägypten wirtschaftlich und politisch äußerst prekären Zeiten. Die Verschiebung der von Präsident Mohammed Morsi verkündeten Parlamentswahlen - wegen Mängeln im Wahlgesetz - hat zwar die Chance auf einen neuen Dialog mit der Opposition wieder erhöht. Aber beide, die Regierung und ihre Gegenspieler, üben nur noch wenig Kontrolle über die Straße aus. Ob die "bürgerliche" Opposition die Anti-Morsi-Demonstranten pauschal ihrem Lager zurechnen darf, wie sie es gerne tut, ist mehr als fraglich.

Wer hat die Kontrolle? Ein Instrument der staatlichen Macht wird immer mehr zum Unsicherheitsfaktor: die Polizei. Von neun Polizisten, die wegen des Port-Said-Massakers vor Gericht standen, wurden nur zwei verurteilt. Das erzürnt Ahly- und Masry-Fans gleichermaßen. Aber noch gefährlicher wäre der Ärger der Polizei selbst. Denn die Frustration in ihren Reihen steigt: Sie sieht sich vom neuen Ägypten in die Rolle des ewigen Buhmanns gedrängt, der schon während der Revolution auf der falschen Seite stand, im Kontrast zur - ach so edlen patriotischen - ägyptischen Armee.

Immer öfter nehmen Sicherheitskräfte das, was sie unter "Gerechtigkeit" verstehen, selbst in die Hand, sie streiken, entscheiden, wo sie wie ihren Dienst tun. Ein Bericht über Gefechte zwischen Polizei und Armee in Port Said wurde zwar dementiert - aber selbst, wenn es nur ein Gerücht gewesen sein sollte, so sagt dieses viel aus. Die Polizei fühlt sich vom Staat im Stich gelassen - und driftet ab in Richtung dritte Macht in Ägypten, die weder Regierung noch Opposition ist und von der niemand weiß, wofür sie steht. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 11.3.2013)

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