Parkpickerlerfinder: "Hinter dem Steuer eine eigene Spezies Mensch"

10. März 2013, 18:32
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Der ehemalige Planungsdirektor Arnold Klotz hat in den 90er-Jahren das Wiener Parkpickerl "erfunden"

Standard: Haben Sie ein Déjà-vu, wenn Sie sich die aktuelle Diskussion ums Parkpickerl anschauen?

Klotz: Natürlich, es dreht sich ja immer noch um dieselbe Frage wie Anfang der 90er-Jahre. Damals wurde ein Stadtentwicklungsplan und damit ein neues Verkehrskonzept notwendig, weil der Balkankrieg und die Ostöffnung Wien in eine neue geopolitische Lage gebracht haben. Zentrale Ziele der Wiener Verkehrspolitik waren die massive Forcierung des öffentlichen Verkehrs und ergänzend dazu die Bewirtschaftung der Parkplätze.

Standard: Welche Befürchtungen gab es damals?

Klotz: Die Befürchtungen waren immens. Als am 1. Juli 1993 das Parkpickerl in Kraft trat, bin ich in der Früh durch die Innenstadt gegangen und dachte, es würde das totale Chaos herrschen – dabei war alles leer. Die Leute kannten sich nicht aus, also sind sie nicht mit dem Auto in die Innenstadt gefahren. Die Befürchtungen waren vor allem ideologischer Natur, damals dachten viele: Ich habe ein Auto, und ich will hinfahren, wo ich will. Dann gab es eine Diskussion, ob es etwas kosten dürfe, den öffentlichen Raum zu benützen. Das wurde verfassungsrechtlich zugunsten der Stadt ausjudiziert. Und die Leute haben gesagt, wenn ich schon zahle, dann will ich einen markierten Parkplatz. Das ging natürlich nicht.

Standard: Warum werden Leute irrational, wenn es ums Auto geht?

Klotz: Autofahrer sind hinter dem Steuer eine eigene Spezies Mensch. Wenn sie aber nicht Auto fahren und von Lärm und Abgasen als Anwohner belästigt werden, ist das anders. Das ist eine eigenartige Diskrepanz. Wir haben damals viele Bürgerversammlungen gemacht. Das Parkpickerl wurde letztlich immer im Einvernehmen mit den Bezirken eingeführt, die Bezirke wurden nie zwangsbeglückt. Im ersten Bezirk waren einmal Journalisten bei einer Bürgerversammlung dabei, es war ziemlich laut und rau. Nachher wurde ich gefragt: Herr Klotz, geht es da immer so zu? Ich habe geantwortet: So schlimm war es ja heute gar nicht. Besonders heftig war der Widerstand bei der Kurzparkzone rund um die Stadthalle, die 2005 eingeführt wurde. Das war kurz vor der Gemeinderatswahl, bei der Bürgerversammlung haben wir gedacht, die Welt steht kopf. Aber letztlich ist das Wahlergebnis nicht abgewichen von den anderen Bezirken.

Standard: Wie konnte man die Wiener davon überzeugen?

Klotz: Mit Erklärungen und mit dem Herausarbeiten einer Solidarität – Autofahrer und Anwohner müssen sich jeweils in den anderen hineinversetzen. Da braucht es keine besondere Taktik, man muss nur die Karten auf den Tisch legen. Wir haben die Verkehrsdaten genau berechnet und erläutert. Die Erklärung anhand seriöser Daten und Fakten haben die Menschen meistens verstanden.

Standard: Einige Bezirke außerhalb des Gürtels lehnen die Parkraumbewirtschaftung kategorisch ab. Halten Sie es für sinnvoll, sie stückerlweise einzuführen?

Klotz: An sich wäre das System  so gedacht, dass es zwischen Bezirken abgestimmt werden muss. Sonst entsteht ein Verdrängungsdruck. Grundsätzlich wird die Parkraumbewirtschaftung nur dort wirksam, wo es die richtige Mischung zwischen Wohnbevölkerung und Pendlern gibt. In der Nähe des Gürtels ist das sicher der Fall. Aber in Gebieten, wo kaum Arbeitsplätze sind, können auch keine Pendler verdrängt werden, sodass das Parkpickerl Gefahr läuft, zur "Laterndlsteuer" zu werden. Eine Ausnahme sind U-Bahn-Endstationen. Wir haben schon in den 90ern überlegt, dort Insellösungen für das Parkpickerl zu schaffen. Wichtig sind dort auch Park-and-Ride-Anlagen.

Standard: Welche flankierenden Maßnahmen braucht es noch?

Klotz: Damals ist die Parkraumbewirtschaftung immer parallel zum Ausbau des öffentlichen Verkehrs  erfolgt, vor allem zur Verlängerung der U3 nach Ottakring und Simmering. Außerdem haben wir das Radfahrnetz ausgebaut und Tiefgaragen errichtet, auch wenn das punktuell auf Widerstand gestoßen ist. Parallel dazu wurde das  Zu-Fuß-Gehen zum Thema gemacht. Durch die Parkraumbewirtschaftung wurde öffentlicher Raum frei, natürlich geht man lieber über einen ansehnlich gestalteten Platz als über eine Gstättn.

Standard: Konnte man so die Proteste reduzieren?

Klotz: Im Prinzip wird es schon so gewesen sein. Es war schließlich ein politischer Erfolg, und man hätte dieses System nicht einführen können, wenn die Leute nicht gesagt hätten, das bringt etwas. Nicht zuletzt spürbar mehr freie Parkplätze für die Bewohner. (Andrea Heigl/DER STANDARD, 11.3.2013)

Zur Person

Arnold klotz (72) studierte Architektur und war Stadtplaner in Innsbruck,  bevor er 1991 bis 2005 Wiener Planungsdirektor war. Von 2007 bis 2012 war er Vizerektor der Uni Innsbruck.

  • Geht es um das Recht auf das Abstellen des Autos, gehen die Emotionen hoch.
    foto: apa/barbara gindl

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  • Mit Information können Bürger aber vom Sinn der Parkraumbewirtschaftung überzeugt werden, meint der ehemalige Wiener Planungsdirektor Arnold Klotz.
    foto: der standard/robert newald

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