Drogenersatz: Das Tor zurück ins stinknormale Leben

10. März 2013, 18:23
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Weg vom Schwarzmarkt und dem Horror des kalten Entzugs: Stefan H. bekommt Medikamente verordnet, um seine Drogensucht zu stillen. Für ihn ist Substitution die Chance auf Arbeit und Alltag – für die Innenministerin jedoch ein "neues Kriminalitätsfeld".

Wien – Es begann mit Unruhe, die schleichend zur Panik wuchs. Stefan H. wusste, dass er sich auf den Weg machen muss. Rastlos klapperte er den Karlsplatz und die anderen Umschlagplätze Wiens ab, auf der Suche nach der rettenden Dosis. Kam kein Deal zustande, setzte der Horror ein. "Die Körperflüssigkeiten quellen aus allen Öffnungen", sagt Stefan, "und du hast Krämpfe, als ob es dir die Muskeln zerreißt."

Immer noch braucht der 35-Jährige wöchentlichen Nachschub, um dem "Cold Turkey" zu entfliehen. Doch heute holt sich Stefan seine Suchtmittel nicht in dunklen Ecken der Stadt, sondern hochoffiziell in der Apotheke. Auf Kosten der Krankenkasse bekommt er jene roten und grünen Pillen verschrieben, die im angelaufenen Wahlkampf ins politische Kreuzfeuer geraten sind. Für Innenministerin Johanna Mikl-Leitner öffnen die unter dem Namen Substitol verabreichten Kapseln ein "neues Kriminalitätsfeld" – für Stefan H. hingegen das Tor in ein "stinknormales Leben".

Ins Wanken geraten ist dieses in einer Samstagnacht, als Rowdys den Burschen in der U-Bahn zusammenschlagen. "Ein starker Mensch fällt dadurch nicht aus der Bahn", sagt Stefan, doch er driftet in eine Parallelwelt der Paranoia ab.

Vom Koks zum Tunnelblick

Erst dröhnt er sich mit Koks zu, dann mit Somnubene, einem Angstlöser mit massivem Suchtpotenzial. Irgendwann wandelt Stefan nur mehr "mit Tunnelblick" durchs Leben, von Blackout zu Blackout: "Du stumpfst ab, wirst gleichzeitig aggressiv und einfach auch sagenhaft deppert."

Der AHS-Absolvent schmeißt den Job hin, verpulvert das Arbeitslosengeld für Tabletten, die Freundin sucht das Weite. Vor dem Absturz auf die Straße retten ihn die Eigentumswohnung – und der "Arschtritt" eines Kumpels, der ihm eines Tages ein Foto vor die Nase hält: "Schau dir einmal ins Gesicht, wie du daherkommst."

Sucht und psychische Probleme in Kombination

Eine "klassische Kombination" sieht Hans Haltmayer hinter der Geschichte seines Patienten. Der Arzt leitet die Dependance der Wiener Suchthilfe am Gumpendorfer Gürtel, die sich demonstrativ den Allerweltsnamen "Jedmayer" verpasst hat; er kennt viele Drogenkarrieren, in denen Ursache und Wirkung verschwimmen. Ob die Sucht psychischen Problemen folgt oder umgekehrt, mache für die Folgen letztlich wenig Unterschied, sagt Haltmayer: Wer keine Hilfe bekomme, bleibe so oder so im Teufelskreis hängen.

Als einen Ausweg propagiert der Mediziner Substitutionstherapien, die Abhängige wie Stefan vom Schwarzmarkt holen sollen. Die Ersatzmedikamente auf Krankenschein heilten zwar nicht von der Sucht, retteten aber viele Leben, sagt Haltmayer: "Die Substitution reduziert das Sterberisiko um zwei Drittel. Bei Krebstherapien kann man von so einer Rate nur träumen."

Hälfte der Suchtkranken in Substitution

Schwere Drogensucht endet nicht zwangsläufig tödlich. Reines Heroin etwa hemmt zwar Stuhlgang und Libido, schädigt aber keine Organe – bei richtiger Dosierung ließe sich ein geregeltes Leben führen. Was Abhängige umbringt, sind die Begleitumstände. Sie stecken sich durch dreckige Spritzen mit Hepatitis oder HIV an, mixen Substanzen durcheinander, holen sich eine Lungenentzündung auf der Straße. Um sich die Drogen leisten zu können, gehen viele auf den Strich – oder landen als Handtaschenräuber im Gefängnis.

Etwa die Hälfte der 34.000 schwer Suchtkranken in Österreich ist in Substitution, in Wien liegt die Quote bei fast drei Vierteln. Das Jedmayer bietet zur Begleitung Sozial- und Psychotherapie an, hilft bei Jobsuche und Behördengängen und bemüht sich um neue Klienten. Gratis-Spritzentausch offeriert das Haus am Gürtel ebenso wie eine Notschlafstelle oder ein Ambulatorium für Leute ohne Krankenversicherung.

Mikl-Leitners Vorschläge "bestenfalls naiv"

"Kein Deal" gebietet ein Plakat im Tageszentrum, doch über die Türschwelle hinaus reicht das Gebot nicht. "Brauchst a  Substi?", zischen Dealer direkt vor dem Gebäude Passanten zu – und machen die Polizei hellhörig. Grassierenden Schwarzhandel liest die Innenministerin aus der Anzeigenstatistik heraus und erklärt das mit einem heimischen Spezifikum: Mittel erster Wahl ist das in Substitol oder Compensan enthaltene retardierte Morphin, dass sich im Gegensatz zum flüssigen Methadon prächtig zum Weiterverchecken eigne (siehe Wissen). Diesen Missbrauch wolle sie abstellen, sagt die ÖVP-Politikerin – aber nicht das Substitutionsprogramm als Ganzes.

Hans Haltmayer runzelt die Stirn, er hat Mikl-Leitners erstes Statement vom Herbst genau gelesen. "Weg von der Substitutionsbehandlung, hin zu einer früher greifenden Therapie", hatte sie da gefordert, was der Arzt für "bestenfalls naiv" hält. Drogensüchtige frönten ja keinem Vergnügen, dass sich mit etwas gutem Willen abstellen ließe, sondern litten an einer schweren chronischen Krankheit. "Das ist mit Bluthochdruck vergleichbar, der zu 95 Prozent nicht heilbar ist", sagt er: Da wie dort gehe es darum, Patienten mit den besten Medikamenten das Leben zu erleichtern und Spätfolgen zu verhindern.

Schwarzmarkt und Missbrauch

Dass Österreichs Ärzte als "Vorreiter" (Haltmayer) auf Morphin setzen, habe einen Sinn: Das "retardiert", also verzögert wirkende Mittel sei gut verträglich, "die Patienten fühlen sich normal". Und der Schwarzmarkt? Ein vom Innenministerium aufgebauschtes Problem, glauben viele Suchtexperten – und das weitaus geringere Übel als illegaler Heroinhandel als Alternative.

Ohne weiteres bekommen die Suchtkranken ihren Stoff schon jetzt nicht ausgehändigt. In der Regel müssen sie jeden Tag die Apotheke besuchen, um die Pillen unter Aufsicht zu schlucken. Per Harnprobe wird regelmäßig kontrolliert, ob das Medikament eh im Körper gelandet ist und nicht etwa im Mund hinausgeschmuggelt wurde. Bei Missbrauch blühen Anzeigen bei der Polizei, noch restriktivere Überwachung oder die Umstellung auf ein anderes Mittel.

Kein "Kick" mehr

Weil sich Stefan H. in drei Jahren im Programm keinen Fehltritt geleistet hat, muss er nur mehr einmal die Woche zur Apotheke, um sich einen Medikamentenvorrat abzuholen – einen "Kick" erlebt er wie alle Langzeit-User längst nicht mehr. Neben Substitol nimmt er noch Mittel gegen Angst und Depression, in schrittweise sinkender Dosis. Stefan ist optimistisch, einmal zu jenen zehn bis 20 Prozent der Substitutionspatienten zu gehören, die dank der begleitenden Psycho- und Sozialtherapien ganz von der Sucht geheilt werden.

Schon jetzt aber ist der Erfolg groß. Stefan kann wieder einen Fulltimejob ausüben, auch eine neue Freundin hat er gefunden. Der Alltag wird immer normaler, die nötige Heimlichtuerei damit leichter. Den alten Ängsten weicht er, so gut es geht, aus. Um Menschentrauben macht Stefan einen Bogen – und in der Nacht nimmt er statt der U-Bahn immer ein Taxi. (Gerald John/DER STANDARD, 11.3.2013)

  • Eine Apothekerin rührt ein Drogen-Ersatzmittel mit Methadon an: Nicht  das Heroin bringt die Suchtkranken um, tödlich sind die Begleitumstände.
    foto: apa/georg hochmuth

    Eine Apothekerin rührt ein Drogen-Ersatzmittel mit Methadon an: Nicht  das Heroin bringt die Suchtkranken um, tödlich sind die Begleitumstände.

  • Der Arzt Hans Haltmayer nennt Mikl-Leitner eine "naive" Ministerin.
    foto: der standard/matthias cremer

    Der Arzt Hans Haltmayer nennt Mikl-Leitner eine "naive" Ministerin.

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