"Es geht um Information, Aufklärung und Respekt"

Interview12. März 2013, 10:14
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Der deutsche Cultural Capital Producer Jan Teunen erklärt, warum das Büro der Zukunft "ein Wohnzimmer zum Arbeiten" sein muss

Am Donnerstag fand in Wien das von M.O.O.CON veranstaltete Immobilien-Symposium "Brand Space. Marke trifft Architektur" statt. Einer der Vortragenden war der deutsche Cultural Capital Producer Jan Teunen. Wojciech Czaja traf ihn zum Gespräch.

STANDARD: Sie sind "Cultural Capital Producer". Was können wir uns darunter vorstellen?

Teunen: Ein Cultural Capital Producer ist eine Art Unternehmensberater, der sich um all das kümmert, was nicht auf der Bilanz steht. Im Grunde genommen helfe ich Unternehmen dabei, sich zu kultivieren und ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher und ethischer Verantwortung herzustellen.

STANDARD: Und was ist der Unterschied zu CSR und Corporate Governance?

Teunen: Das ist alles Teil davon. Kulturkapital ist, wenn Sie so wollen, der Überbegriff.

STANDARD: Wer zählt zu Ihren Kunden?

Teunen: Derzeit zum Beispiel Ikea, Bene und dm drogeriemarkt.

STANDARD: Wie schaut so eine Zusammenarbeit aus?

Teunen: Ich habe zum Beispiel das Kulturkonzept für das Düsseldorfer Immobilienunternehmen Anteon entwickelt. Wie die meisten Makler am Markt hat Anteon unter dem schlechten Image der Branche gelitten. Wir haben daraufhin eine Art Unternehmensphilosophie auf die Beine gestellt. Anteon ist heute auf die Vermarktung von Immobilien spezialisiert, die in einem gewissen kulturellen und sozialen Umfeld eingebettet sind.

STANDARD: Das klingt nach klassischer Unternehmensberatung.

Teunen: Nein. Denn es geht dabei nicht um die Vermarktung des Produkts, sondern um eine Attraktivierung des Unternehmens.

STANDARD: Wirkt sich dieser Mehrwert in irgendeiner Weise auch auf den Shareholder-Value aus?

Teunen: In der Regel steigt dadurch der Medienwert. Ob dadurch auch der Aktienwert steigt, kann ich nicht sagen.

STANDARD: Wie wirkt sich Branding auf die Gestaltung von Immobilien aus?

Teunen: Ich sehe einen großen Trend zu Brandlands, also zu Verkaufswelten, in denen der Kunde in eine atmosphärische Umwelt entführt wird. Und dieser Trend wird meines Erachtens noch weiterhin zunehmen. Doch gleichzeitig geht es um Information, Aufklärung und Respekt.

STANDARD: Können Sie ein Beispiel nennen?

Teunen: Ich habe das Immobilien-Konzept für dm entwickelt. Bei dm werden heute nicht nur Drogeriewaren gehandelt, sondern man kommt auch den Bedürfnissen der Kunden entgegen. Zum Beispiel: Dort, wo Windeln verkauft werden, wo man sich also womöglich mit einem Kinderwagen bewegt, sind die Gänge breiter. Auf den Einkaufswagen ist eine Lupe montiert, damit man die Zusammensetzung der Produkte besser lesen kann. Und in vielen dm gibt es heute Bänke, also Sitzgelegenheiten für den Kunden.

STANDARD: Ich würde gern noch ein anderes Thema anreißen. In einem Vortrag meinten Sie einmal: "Das Büro ist eine Terrorzelle."

Teunen: Tatsache ist: 68 Prozent aller Angestellten haben keine emotionale Bindung zu ihrem Unternehmen. 60 Prozent haben sogar Angst am Arbeitsplatz.

STANDARD: Weil?

Teunen: In den meisten Büros, die in erster Linie von der wirtschaftlichen Performance geprägt sind, werden die Emotionen und Bedürfnisse der Mitarbeiter ignoriert. Dadurch entstehen Angst, Wut und Neurosen. Die Reibungsverluste sind enorm. Man kann davon ausgehen, dass 50 Prozent aller Mittel, die in die Human Resources investiert werden, dadurch verlorengehen.

STANDARD: Wie kann man das Problem lösen?

Teunen: Durch eine entsprechende Architektur und Büromöblierung. Es ist kein Zufall, dass ein Großteil der Büromöbelindustrie derzeit ums Überleben kämpft. Die angebotenen Produkte am Markt sind nicht attraktiv genug.

STANDARD: Wie kann man der Effizienzsteigerung und Flächenoptimierung von Unternehmen entgegenwirken?

Teunen: Großraumbüros sind absolut okay. Allerdings muss man den Mitarbeitern zur Kompensation Poesie, Kunst und sogenannte Dekompressionsräume anbieten, wo man ein ungestörtes Telefonat führen, wo man ein bisschen Musik hören, wo man ein kurzes Nickerchen halten und wo man mal unbeobachtet gegen eine gepolsterte Wand boxen kann. So ein Angebot ist eine Conditio sine qua non. Andernfalls gehen die Mitarbeiter à la longue vor die Hunde - und damit auch die Firma.

STANDARD: Wie sieht das Büro der Zukunft aus?

Teunen: Auch wenn es in erster Linie um Effizienz und Ökonomie geht: Das Büro der Zukunft ist ein Wohnzimmer zum Arbeiten. Und das wird bald passieren müssen, denn wir sind schon so weit, dass das Arbeiten wehtut. Die Burn-out-Kliniken sind voll, die Menschen werden gemobbt, und am Abend wird man von den eigenen Kindern gefragt: "Papa, warum tust du dir das alles eigentlich an?" (DER STANDARD, 9./10.3.2013)

Jan Teunen (63) leitet seit 1991 das Beratungsunternehmen Teunen Konzepte GmbH. Zu seinen Kunden zählen Ikea, Thonet, Fritz Hansen, Bene, Grohe, FSB, Daimler, Nestlé und BASF. Außerdem ist er Honorarprofessor an der Hochschule für Kunst und Design in Halle a. d. Saale.

  • Auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher und ethischer Verantwortung: Unternehmensberater Jan Teunen.
    foto: teunen konzepte gmbh

    Auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher und ethischer Verantwortung: Unternehmensberater Jan Teunen.

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