Das Pokerspiel vor Auktionen

8. März 2013, 21:23
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Die Sammlung Rau beschäftigte jahrelang die Gerichte und aktuell Auktionshäuser, die einen Teil im Auftrag von Unicef versteigern

1958 hatte Gustav Rau, Industrieerbe, Arzt und Betreiber des Kinderkrankenhauses von Ciriri (Kongo), Kunst zu sammeln begonnen. Über die Jahre wuchs die Kollektion auf mehr als 800 in einem Freilager am Züricher Flughafen verwahrte Exponate, darunter Gemälde Alter Meister und hochrangiger Impressionisten, dazu Skulpturen und qualitätsvolles Kunsthandwerk. Als Leihgabe für diverse Ausstellungen bekam das eine oder andere zwischendurch schon mal "Freigang".

Sein auf vier Stiftungen verteiltes Vermögen und die Kunstsammlung sollten, so der Wunsch des Philanthropen, später soziale und humanitäre Projekte unterstützen. Rau war kinderlos geblieben, hatte nie geheiratet und in den Jahren vor seinem Tod im Jänner 2002 mehrere Testamente verfasst und teils widerrufen.

Jener 1999 formulierte letzte Wille, in dem er Unicef Deutschland zur Alleinerbin benannte, beschäftigte Gerichte in Deutschland, der Schweiz, Liechtenstein und Monaco über Jahre. Ein vorläufiges Urteil des Landgerichts Konstanz 2003 bekämpften die Stiftungen hartnäckig. Es war ein erbitterter Streit, in dem immer wieder die Geschäftsfähigkeit des Erblassers infrage gestellt wurde.

Kein Wunder, denn es ging um viel: Der Wert der Kunstsammlung beginnt irgendwo bei realistischen 200, über kolportierte 500 bis zu spekulativen 700 Millionen Euro. Auf aktuelle Anfrage kann selbst Unicef Deutschland, der im Dezember 2008 per Gericht das Erbe zugeteilt wurde, keinen konkreten Gegenwert benennen.

Eine erste Idee lieferte der Kunstmarkt im Juli 2008, als Sotheby's im Auftrag des gerichtlich bestellten Nachlassverwalters zehn Altmeistergemälde aus der Sammlung Rau in London offerierte: Zwei blieben unverkauft, die anderen acht spielten netto umgerechnet 6,7 Millionen Euro ein, wovon man 400.000 Euro dem Kinderkrankenhaus im Kongo zugestand, der Rest wurde angelegt und diente zur Deckung laufender Kosten (Versicherung, Lagerung, Verfahrens- und Anwaltskosten).

Im Laufe der nächsten Monate lässt Unicef nun einen ersten Teil der Kollektion versteigern: 533 Gemälde, Skulpturen und kunsthandwerkliche Gegenstände, die nicht zu jenem Kern der Sammlung gehören, der bis 2026 im Arp Museum (Remagen) eine vorübergehende Heimat fand und erst nach Ablauf dieser Frist auf den Markt kommt.

Über eine anonymisierte Ausschreibung hatten sich vergangenes Jahr acht Auktionshäuser um diesen Auftrag bemüht, darunter auch Christie's, Koller und das Dorotheum. Der Unicef-Vorstand entschied sich jedoch für Lempertz, Bonhams und Sotheby's, weil diese "für die jeweiligen Objekte die besten Konditionen zugesichert" hatten.

Mit anderen Worten spielten die einzelnen Schätzpreise die Hauptrolle, wiewohl solche Richtwerte an der Akquisitionsfront bisweilen an der Realität des Marktes vorbei kalkuliert werden.

Im Poker um eines der wertvollsten Rau-Exponate, Jean-Honoré Fragonards derzeit im Getty Museum (Los Angeles) als Leihgabe weilendes Porträt des Herzogs von Harcourt, wichen die Schätzwerte mit sieben bis 15 Millionen Euro recht erheblich voneinander ab. Gemäß der bisherigen Versteigerungsbilanz bekam jedoch nicht Sotheby's als "logischer" Kandidat den Fragonard zugeteilt, sondern Bonhams, wo laut Kunstpreisdatenbanken damit das erste Ölgemälde des französischen Rokokokünstlers jemals zum Aufruf gelangt. Auf Anfrage lässt Bonhams ausrichten, dass der Schätzwert nicht veröffentlicht, sondern nur " potenziellen Kaufinteressenten bekanntgegeben" wird.

Derzeit noch Zollgut

Einen Privatverkauf hinter den Kulissen eines Auktionssaals schließt Henrik Hanstein (Lempertz) aus, da dies nicht dem Willen des Erblassers entspreche. Hanstein war noch von Rau persönlich in jenen Sammlungsbeirat berufen worden, der den Unicef-Vorstand bei Entscheidungen begleitet. Mit 298 (von 533) bekam sein Auktionshaus den an Umfang größten Brocken zugestanden, gefolgt von Sotheby's (141 zum Gegenwert von etwa 18,5 Mio. Euro), wo mit El Greco (3-5 Mio. Pfund), Monet (4-6 Mio. Pfund) und einer Serie von Tiepolo-Grisailles einige Hochkaräter lauern, die ab Mai in verschiedenen Auktionen zum Aufruf gelangen.

Insgesamt belaufen sich die monetären Erwartungen der Unicef auf etwa 50 Millionen Euro. Wohl eine vorläufige Kalkulation, da über die Katalogisierung und damit verbundene Recherchen noch eine exaktere Bewertung und auch Auslese stattfinden wird.

Hanstein beziffert den Wertumfang "seines" Konvoluts vorsichtig mit etwa sieben Millionen Euro. Neben Varia-Belanglosigkeiten findet sich dort auch Höherwertiges, etwa ein Stillleben Jan van Kessels (ca. 100.000 Euro) oder ein Porträt der Tänzerin Sadayakko von Max Slevogt (ca. 500. 000 Euro). Ob der ursprünglich für den 11. Mai bei Lempertz anberaumte Versteigerungstermin tatsächlich hält, sei fraglich. Hanstein macht das weniger von der Arbeit seiner Experten abhängig als davon, wie schnell Unicef die Zollfrage klärt und die Exponate gegen Zahlung der Einfuhrumsatzsteuer (7%) auch offiziell importiert werden können.   (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

  • Museumswürden: Tiepolos Grisaille-Serie (Sotheby's) gastierte 2012 im Belvedere ("Gold"), ...
    foto: unicef / hardheim

    Museumswürden: Tiepolos Grisaille-Serie (Sotheby's) gastierte 2012 im Belvedere ("Gold"), ...

  • ... der Fragonard (Bonhams) derzeit im Getty Museum (L. A.).
    foto: unicef / scheib

    ... der Fragonard (Bonhams) derzeit im Getty Museum (L. A.).

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