Umlernen für Österreich

8. März 2013, 20:34
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Mitlaufen und schweigen: Alfred Goubran legt mit "Der gelernte Österreicher" eine Studie über das österreichische Bewusstsein vor

Die Frage ist so alt wie der Österreich-Essay, der hierzulande als eigene Gattung Tradition hat: Wie lässt sich das hiesige Bewusstsein fassen, wie lässt sich das Handeln oder besser das zur Genüge bekannte Nichthandeln in Österreich verstehen? Wie all die Verdrängung, die eingeübte Anpassung, der chronische Mangel an Stolz und Haltung, der Überdruss, die Bequemlichkeit?

Alfred Goubran, Autor, Liedermacher und ehemaliger Verleger, hat sich diese alten Fragen neu gestellt und sie für seine Generation, man könnte sagen in der Nachfolge des "Herrn Karl" Helmut Qualtingers (1966), mit seinen Mitteln neu zu fassen versucht. Indem auch er einen Typus Österreicher einführt, den sogenannten "gelernten" Österreicher, wie Herr Karl immer noch ein Perfektionist in Sachen Anpassung.

"Der gelernte Österreicher", das ist für Goubran ein Sammelsurium an Verhaltens- und Denkmustern, die sich nicht zuletzt im Sprechverhalten identifizieren lassen. Der gelernte Österreicher raunzt, er ist im Privaten "mürrisch", "im Offiziellen hingegen borniert". Er parasitiert an der Leistung anderer und hält sich, wo immer es möglich ist, schadlos. Er wird daher von Goubran auch als "erfolgreicher Österreicher" bezeichnet, als den er sich so gerne sehen möchte.

Goubran entwickelt von diesem "gelernten Österreicher" ausgehend dann eine kleine Typologie des Österreichers und geht dabei immer wieder in die Geschichte zurück. Etwa bis in den k. u. k. Beamtenstaat und zum Vorkriegsösterreicher, wo der sogenannte "neue Österreicher" sich auf fatale Weise schon als Dienermensch selbst definieren lernt, wie der Autor an einer Anton-Wildgans-Rede von 1929 zeigen kann.

Weiters führt Goubran noch einen "dazugelernten Österreicher" und einen "ganz neuen Österreicher" mit Ironie, aber nicht ohne Ernst ein. Denn der Autor macht das Österreichische nicht an fixen Merkmalen fest, sondern spürt ihm in seiner Gewordenheit und seinen Nuancen "ad hominem" nach: "Da der gelernte Österreicher als Mitläufer niemals ein Gegner der Norm ist oder des herrschenden Systems - er ist dagegen, wenn alle dagegen sind, und dafür, wenn alle dafür sind -, ist es für ihn unabdingbar, sich als Gegner und Anderen zu denken, um sich nicht als Mitläufer zu erkennen."

Das Denkerische der Argumentation, hier in Form eines interessanten Paradoxes nachvollziehbar, stellt die Qualität des Buches her - das aufgrund dieses klaren Blicks auf Nuancen auch nicht ins Satirisch-Karikaturistische abrutscht, sondern bei seiner Sache bleibt. Und das nicht, weil Goubran Neues zu sagen beansprucht (er tut dies immer wieder dennoch), sondern weil er seine Kritik am Grundsätzlichen orientiert.

Indem er den anderen Österreicher, den es für ihn auch gibt, implizit und mit jedem Satz einfordert, ja diesen eigentlich herausfordert, sich zu Wort zu melden. In dieser Forderung, sich einen eigenen Begriff zu machen, liegt der Impetus dieses Buches. Ein Impetus, der nicht zuletzt im Schmerz wurzelt, dass Österreich seine Identität nie im Widerstand gesucht habe, den es auch gab, sondern im Gegenteil gerade dieses andere Österreich so beharrlich totzuschweigen bemüht gewesen sei.

Alfred Goubrans "Gelernter Österreicher" ist ein Versuch, diesen anderen Österreicher notwendig zu machen, indem der "gelernte Österreicher" in seinem Denken erkennbar gemacht wird. Gerade aber in den Klischees und bekannten Bildern und Sätzen vom "schönen Österreich", in den kleinen Worten und Bemerkungen, den scheinbaren Selbstverständlichkeiten, die man hierzulande tatsächlich so oft vernimmt, beispielsweise, dass es " eigentlich" um eh nichts gehe, oder wie man sich pseudokritisch auf Allgemeinbegriffe wie etwa das Wort "Jude" geeinigt hat, werden die fatalen Grundhaltungen und Schemata des österreichischen Alltagsdenkens deutlich.

Man kann das Buch - das dankenswerterweise keine weitere zusammengestückelte Österreich-Aufsatzsammlung ist, sondern einen Zusammenhang behauptet - als eine Art Studie oder Lehrbuch zu den Klischees als den gefährlichsten, weil scheinbar harmlosesten Elementen des Bewusstseins begreifen, die unter der Feder Goubrans erst wieder sichtbar und plastisch werden. Um sich von ihnen abzugrenzen, um eine andere Sprache, ein anderes Denken aufzuspüren.

Obwohl Goubran sich einmal sogar das kritische Wasser beinahe abgräbt, indem er seinen Essay nicht als Kritik im eigentlichen Sinne verstehen möchte, bleibt der kritische Gehalt der Studie als deren Substanz zuletzt doch übrig.

Am Ende des Buches wird der Essay noch einmal ganz konkret und der Fall Simon Wiesenthal - Bruno Kreisky beinahe parabelhaft nacherzählt. Eine präzise und äußerst sachliche Provokation. Den jüngst eingeführten "Austrian-Studies" der Germanistik in Wien, den Mittelschulen und Diskussionsforen, allen Bürgerinnen und Bürgern sei dieses Grundbuch daher ans Herz gelegt. Als bildungsbürgerferne und in ihren Aussagen erfrischend direkte Analyse eines wahre Forschung und Neugierde, Kunst und Kritik lähmenden Geisteszustands.  (Michael Hammerschmid,  Album, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

Michael Hammerschmid ist Dichter und Übersetzer und unterrichtet an der Universität Wien. Im Herbst 2013 erscheint sein Kindergedichtband "die drachen, die lachen" in der Edition Krill (Wien).

Alfred Goubran, "Der gelernte Österreicher. Ein Idiotikon." € 14,90 / 184 Seiten. Braumüller, Wien 2012

  • Schmerz, dass Österreich seine Identität nie im Widerstand suchte, den es auch gab: Alfred Goubran.
    foto: arnold poeschl

    Schmerz, dass Österreich seine Identität nie im Widerstand suchte, den es auch gab: Alfred Goubran.

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