Die Larvenstadien der Rotchinesen

8. März 2013, 20:03
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Der Roman "Frösche" von Literaturnobelpreisträger Mo Yan

Wien - Die Kinderjahre der Volksrepublik China bescherten auch deren allerkleinsten Bürgern schlimme Entbehrungen. Weite Teile des riesigen Landes litten 1960 unter einer Hungersnot. Literatur-Nobelpreisträger Mo Yan berichtet in seinem jüngsten Roman Frösche, wie sich die Kinder in der nordöstlichen Provinz Gaomi angeblich Abhilfe verschafften: Die Schüler verspeisten mit gesegnetem Appetit Kohlestücke.

Kinder bilden das bestverzinsliche Kapital einer Gesellschaft. Mo Yan errichtet ihnen einen reich verzierten Prosatempel, ein Spukhaus, in dessen Sälen und Gängen man sich leicht verirren kann. Frösche ist eine viele hundert Seiten lange Huldigung an alle Kleinen, die den Vorzug genossen haben, in Maos Reich das Licht der Welt zu erblicken.

Der Dichter gedenkt aber auch aller derjenigen, die ungeboren bleiben mussten. Mit dem Einsetzen reicher Süßkartoffelernten bemächtigte sich neuer Schwung der bäuerlichen Lenden. Um das explosive Bevölkerungswachstum in den Griff zu kriegen, nahm sich die allwissende Partei der Geburtenplanung an. Wer in den 1960ern einen Buben und ein Mädchen bekommen hatte, für den war Schluss. Frauen wie Männer wurden zur Sterilisation genötigt. Frauen, die noch nie von systematischer Verhütung gehört hatten, wurde gewaltsam die Spirale eingesetzt.

Die Heldin des im unbedarften Ton der Provinzgeschichte erzählten Buches heißt Wan Herz, genannt "Gugu". Diese, die Tante des Erzählers, arbeitet als Gynäkologin im Kreisspital und verbreitet obendrein die Frohbotschaft der Geburtenkontrolle im ganzen Landkreis. Im blutverschmierten Kittel steht die Dame in Treue fest zu ihrer Gesinnungsgemeinschaft: "Im Leben gehört mein Leben der Partei; im Tode gehört mein Geist der Partei."

Furcht um den Stammhalter

Es spielen sich erschütternde Szenen ab in der bodenständigen Provinz Gaomi - jenem Landstrich, der auch Autor Mo Yans Heimat ist. Treuherzige Bauern, die um ihre Stammhalter fürchten, decken die unbarmherzige Tante Gugu mit Verwünschungen ein oder trachten ihr nach dem Leben. Abortus reiht sich an Abortus. Zugleich hält sich eine Kamarilla von Parteifunktionären nobel im Hintergrund und schmarotzt von den wirtschaftlichen Erträgen der arbeitenden Bevölkerung.

Auf dem zugefrorenen Fluss Kiaolai wird der Leser Zeuge, wie der Wahnsinn der Kulturrevolution losbricht. Ein entfesselter Parteimob wälzt sich quer durchs Land und bringt unbescholtene Bürger und Kommunisten um den guten Ruf, manchmal ums Leben.

All jene, die Mo Yan für einen willfährigen Büttel der regierenden Staatspartei halten, werden nach der Lektüre von Frösche Abbitte leisten müssen. Das Schicksal der Dorfgemeinschaft dient lediglich als geschliffenes Glas, hinter dem die tiefgreifenden Umwälzungen in der Volksrepublik China erschreckend deutlich werden. Neben Modernisierung und marktwirtschaftlicher Öffnung existiert ein anderes, langlebigeres China. In ihm schlüpfen die Seelen der abgetriebenen Kinder in Froschkörper und reiben ihre widerlichen weißen Bäuche an Wan Herz, der Frauenärztin aus Idealismus.

Mo Yan aber ist ein Meister des postmodernen Versteckspiels. Indem er den Erzähler als Autor ausgibt, der seine Version der Geschichte einem japanischen Kollegen weitererzählt, hält er die Frage nach der Urheberschaft geschickt in der Schwebe. Man wird Mo Yan, allen Unkenrufen zum Trotz, vielleicht keinen Regimekritiker nennen können. An der Absurdität vom Maos Weltentwurf aber lässt er in seinem bedrückenden, famosen Buch nicht den geringsten Zweifel.   (Ronald Pohl, DER STANDARD, 9./10.3.2013)

Mo Yan. "Frösche". Roman. Aus dem Chinesischen von Martina Hasse. € 24,90. Hanser 2013

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    Liest den Gefolgsleuten Maos die postmodernen Leviten: der Dichter Mo Yan.

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