Briefe schreiben, aber richtig

8. März 2013, 19:31
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Schon der Unterschied im Briefpapier, so weit in der Presse erkennbar, war signifikant für den Charakter der Schreiber

Im Zeitalter der sozialen Netzwerke, von denen niemand weiß, was an ihnen "sozial" sein soll, ist die Briefkultur, wie man sie aus der Vergangenheit kennt, zum Dahinsiechen verurteilt. Ja, ein völliges Absterben scheint nicht mehr ausgeschlossen, wenn sich subtilste Gedanken und intime Geständnisse auch zwitschern lassen, ohne ein Brieflein im Schnabel zu transportieren. Dennoch gibt es, meist aus gegebenen Anlässen, immer wieder Versuche, den Brief als Mittel der Kommunikation zu revitalisieren, doch o weh! - wie sehr fehlt es heutigen Schreibern an Übung, ihre Worte der seelischen Situation der Adressaten anzupassen und damit jene Wirkung zu erzielen, die erzielbar wäre, wo das Herz zum Herzen spricht. Zwei Schreiben aus jüngster Zeit sollen als Briefsteller dienen, um zu zeigen, wie man seine Mitmenschen erfolgreich umgarnt und wie nicht. Eines stammt, um es gefühlvoll auszudrücken, aus der Feder von Erwin Pröll, am anderen war die Handschrift Frank Stronachs nicht zu verkennen. Beide lagen öffentlich vor.

Schon der Unterschied im Briefpapier, so weit in der Presse erkennbar, war signifikant für den Charakter der Schreiber. Das von Pröll gewählte war gelb mit blau, also schon für sich eine patriotische Botschaft. Stronachs hingegen atmete den Charme fleckigen Packpapiers, sich einrollende Ecken ergänzten den Eindruck, die Wurstsemmel wäre eben erst ausgewickelt worden. Dazu passte die Umständlichkeit der Anrede "Liebe Niederösterreicherinnen und liebe Niederösterreicher!" Vorbildlich hier, weil zur Persönlichkeit passend, Pröll, der jegliche Anrede durch die Anschnauze ersetzte: "Klarheit. Arbeit. Sicherheit."

Er lag damit Benito Mussolinis "Glauben. Gehorchen. Kämpfen" einen Hauch näher als Stronach mit seiner erst an den Schluss gesetzten Behauptung "Wahrheit. Transparenz. Fairness", die nach den vorhergehenden Ausführungen wenig aufrüttelnd wirkte. Dafür begann er mit einem Anbiederungsversuch, der bei bodenständigen Adressaten kaum verfangen konnte. "Ich wohne nun schon seit 15 Jahren in Niederösterreich und bin sehr gerne hier. Es ist ein schönes Land mit sehr netten und fleißigen Menschen. Österreich und Niederösterreich liegen mir am Herzen."

Musste da nicht jeder Angeschriebene sofort assoziieren, wie sehr ihm auch die Schweiz und Kanada am Herzen liegen, "Niederösterreich" mit seinen "sehr netten und fleißigen Menschen" also nur einen Nebenschauplatz seiner Herzensergießung darstellt? Und sofort wird auf die plumpeste Weise Dankbarkeit eingefordert: "In Niederösterreich habe ich rund 400 Millionen Euro investiert und ungefähr 2.000 Arbeitsplätze geschaffen".

Wieviel delikater da Erwin Pröll! "Morgen entscheiden Sie über den weiteren Weg Niederösterreichs. Und über nichts anderes", streute er den Adressaten Sand in die Augen. Mit Arbeitsplätzen hielt er sich erst gar nicht auf, wo es auf Gemeinplätze ankam. Allein das Gefühl, sie könnten wirklich "über den weiteren Weg Niederösterreichs" entscheiden, und nicht etwa bloß über den weiteren Weg der dortigen ÖVP, muss ihnen, die nicht einmal einer Anrede wert waren, Schauer des Glücks und der Macht über den Rücken gejagt haben. Und da mitten hinein die erste Demutsgeste: "Ich möchte Sie daher bitten". Die erste Fürbitte konnte gar nicht fehlschlagen. "Schauen Sie, wer in den vergangenen fünf Jahren fürs Land da war und wer immer nur vor Wahlen für Sie da ist". Was sollte man schon erschauen als einen Landeskaiser, der mit seiner Omnipräsenz fünf Jahre nicht einmal die Kultur verschonte? Die zweite Fürbitte betraf "Ihre ganz persönliche Unterstützung mit Ihrer Vorzugsstimme, die der ganz persönlichen Unterstützung" einer Partei dienen sollte, die man persönlich vielleicht gar nicht wählen wollte. Die letzte Fürbitte "um Ihre Unterstützung" sollte dann nur noch der Herbeiführung "klarer Verhältnisse" dienen. "Oder erleben wir auch nach der Wahl ein Durcheinander und Gegeneinander, von dem wir schon im Wahlkampf genug gehabt haben." Pfui!

In diesem demokratischen Schmutz sollen andere wühlen. Aber man muss die Grenzen kennen. Nicht so wie Stronach, der seinen Brief missbrauchte, um Aufruhr zu stiften: "Es gibt keine Transparenz in Prölls geheimen Machenschaften!" Das wäre ja noch schöner - Transparenz, verlangt von einem, der "immer nur vor Wahlen für Sie da ist".

Der Sonntag bewies: Ein Brief, der erfolgreich sein soll, erfordert die Glaubwürdigkeit des Verfassers. Stil nicht so wichtig. (Günter Traxler, DER STANDARD, 9./10.3.2013)

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