Tänzchen, Tempo, Zigaretten

8. März 2013, 19:14
1 Posting

Drei Generationen: Marianna Salzmanns "Muttersprache Mameloschn" in der österreichischen Erstaufführung am Theater Kosmos

Bregenz - Witzig sein ist das eine. Witze erzählen können noch einmal ganz was anderes. Eine Kunst, die nicht zu den Kernkompetenzen der weiblichen Menschheitshälfte gezählt wird. Aber hallo! Rahel, die jüngste aus der Drei-Generationen-Linie in Marianna Salzmanns Muttersprache Mameloschn, hat's drauf.

Ob sie das eher von der Oma hat, die mit jüdischer Folklore und Arbeiterliedern die Politbühnen der DDR beglückte? Oder wirkt da schon der neue Lebensmittelpunkt, den jedermann mit Woody Allen in Verbindung bringt? Rahel kann's auf jeden Fall: im Text, dessen flotte Dialoge funkeln. Und auch vorm Publikum des Theater Kosmos. Hier macht Maria Perlick auf Stand-up-Comedy. Zweimal nimmt Regisseurin Barbara Schulte Menschen aus der ersten Sitzreihe dran. Drei Vorhänge und der Mittelsteg durchs Publikum erschließen Tiefe - und Untiefen: Hat die alte Dame außerhalb des Frauenhaushalts geschnüffelt?

Plötzlich wird mit Exemplaren aus der Saalbestuhlung "Reise nach Jerusalem" gespielt (Musikalisches Konzept: Patrick Jurowski). Aber auch der Spagat, den Rahel später zwischen solchen Stühlen macht, ist nicht bedeutungsüberladen. Mit Komik und Tänzchen, Tempo und Zigaretten kommen komplexe Fragen der kulturellen, politischen, sexuellen Identität und Integrität daher, samt zeithistorischem Bezug.

Briefe spielen eine Rolle (verlorene), E-Mails (unbeantwortete), Telefonanrufe (Mailbox). Diese Frauen brauchen keine gelingende Kommunikation, um einander nicht zu verstehen. Zuneigung ist und bleibt. Pointiert. Juliane Gruner gibt mit ironisch gebrochener Grandezza die alte Rampenfrau. Allein ihr Timbre! Maria Perlick überzeugt auch in verspielten Momenten mit aufgeklebtem Bärtchen.

Die undankbarste Rolle in der Konstellation hat Barbara Gassner, und noch dazu steckt sie im klemmig-eleganten Büro-Outfit: Sie ist diejenige, die im Lauf der Vorstellung am meisten überrascht. Jubel für Stück, Regie und drei souveräne Könnerinnen. (Petra Nachbaur, DER STANDARD, 9./10.3.2013)

Bis 6. 4.

  • Fetzige "Reise nach Jerusalem": "Muttersprache Mameloschn" ist für die Mülheimer Theatertage nominiert.
    foto: edgar leissing

    Fetzige "Reise nach Jerusalem": "Muttersprache Mameloschn" ist für die Mülheimer Theatertage nominiert.

Share if you care.