Drei Wege zum "Anschluss"

Kommentar der anderen8. März 2013, 18:40
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Der 1939 in die USA emigrierte Bestsellerautor über die "Heil"-Rufe auf dem Heldenplatz, 75 Jahre danach: Stationen des Erinnerns und des Urteilens

Vor genau 75 Jahren hat der Anschluss Österreich zu einem Teil des Dritten Reiches gemacht. Innerhalb von Stunden hat er mich, gemeinsam mit allen Juden in seiner Reichweite, grundlegend verändert. In meiner Erinnerung hat das Ereignis drei voneinander unterschiedene Dimensionen.

Anschluss A ist die Erinnerung an eine Katastrophe, wie sie sich für den 13-jährigen Fritz Mandelbaum abspielte - so hieß ich damals. Ich weiß noch, wie das Art-déco-Muster unseres Radios unter der hohen Stimme des österreichischen Kanzlers Kurt von Schuschnigg zitterte: "Wir weichen der Gewalt!"

Ich weiß noch, wie es um uns still wurde. Alle bisherige Wirklichkeit war wie weggeblasen, auch der angenehme Geruch des freitäglichen Karpfens. Ich erinnere mich, wie angespannt sich meine Haut in der Nacht anfühlte. Ich kam mir vor, als sei ich von der Dunkelheit im Schlafzimmer bis zur Dunkelheit der Straße gedehnt worden, jedem Tritt eines vorbeimarschierenden Stiefels ausgeliefert. Ich erinnere mich an die Stille im Morgengrauen; an meine Eltern, benommen, wie ich ohne Schlaf, wie sie ins Telefon flüstern und auf Zehenspitzen an dem Zimmer vorbeigehen, in dem das Küchenmädchen als plötzliche "Arierin" im Haus den Schlaf der Gerechten schlief.

Ich erinnere mich an die Kaffeetassen auf dem Tisch, die niemand anrührte. Wir konnten nicht schlucken wegen des Gedröhns über uns. Hunderte Flugzeuge überwältigten den Himmel und schmückten den Wind mit Flugblättern.

Ich erinnere mich an das Fenster, das kein Fenster mehr war. Es war ein Guckloch für einen Ausgestoßenen auf der Flucht. Ich duckte mich dahinter und schaute zu, wie die Stadt giftig gegen mich aufblühte; an die "Heil Hitler!"-Rufe, die den Lärm der Lastwagen übertrafen.

Ich erinnere mich an die Hakenkreuze, die sich von Armbinden zu Plakaten, von Plakaten zu Fahnen vermehrten; an die Pauken und Trompeten im Radio, die den Rhythmus für die Paraden auf dem Kopfsteinpflaster vorgaben. Wien badete im Licht der Farben und der Töne und des Jubels an Straßenecken. Und ich erinnere mich, wie ich nicht glauben konnte, dass diese ganze Feier um mich herum unseren Untergang bedeutete. Der Anschluss A war eine so gut orchestrierte kriegerische Gala, dass ich mehr als Scham, schlimmer: Angst spürte. Ich erinnere mich, dass ich wusste: Wenn ich nicht so zitterte, würde ich gerne mitmarschieren.

Anschluss B ist etwas ganz anderes. So wie Frederic Morton, der amerikanische Schriftsteller, darüber nachdenkt, war er das Produkt von erstaunlich komplexen Faktoren: Pro-deutsche Stimmungen an der Donau gingen nicht nur den Nazis voraus, sie erfassten auch viele ihrer späteren Gegner. Als der Glanz der Habsburg-Monarchie einem Katzenjammer wich und die multinationale Operette sich in Dissonanzen auflöste, schauten nicht nur die großdeutschen Nationalisten nach Berlin; auch die Liberalen und die Linken erhofften sich Erlösung durch die fortschrittliche Kultur des Reichs. Auf dem Kopf der Arbeiter-Zeitung, Wiens großer sozialistischer Tageszeitung, prangte stolz der Schriftzug " Zentralorgan der Sozialdemokratie Deutschösterreichs".

Als 1918 nach dem verlorenen Krieg die Monarchie zusammenbrach, nannte das österreichische Parlament den Reststaat "Deutsch-Österreich" und einen "Bestandteil der deutschen Republik". Bei der Friedenskonferenz von Saint-Germain verlangte Otto Bauer, der Außenminister des Rumpfstaates, die Vereinigung mit Deutschland. Obwohl die Alliierten dies ablehnten, machte Bauers beredtes Insistieren - die Befürwortung eines jüdischen Sozialisten - den Begriff Anschluss international hoffähig.

Die Erste Republik entstand nicht durch den Willen der Österreicher, sondern aufgrund eines alliierten Beschlusses. In der Zwischenkriegszeit war "Anschluss" stärker in den Herzen der Bevölkerung verankert als " Österreich". Bei vielen bedeutete Letzteres vor allem Hunger. Die Wirtschaftskrise des Landes dauerte fast so lang wie seine Unabhängigkeit von 1918 bis 1938. Es gab wenig zu essen und noch weniger an nationaler Identität. Der Staat, der keiner sein wollte, überlebte als kleiner malerischer Slum, dessen einzige brauchbare Traditionen die kaiserlichen waren.

In diese Leere marschierte, im Stechschritt, der neue Oberherr des Reiches. Es war nicht verwunderlich, dass Hitlers erste Rede vom Balkon der kaiserlichen Hofburg dröhnte und dass der Bruder von Seyß-Inquart, Österreichs oberstem Nazi, einst die Kinder des letzten Kaisers Karls des Ersten unterrichtete.

Politisch standen die Monarchisten dem Hakenkreuz so feindselig gegenüber wie die Sozialisten. Was die Gefühle anging, verwandelte der Führer den März 1938 in ein Festmahl, das auf perverse Weise den Hunger beider Fraktionen stillte. Unter den Hungernden gab es etliche, die keine Nazis gewesen waren, bis sie gelaufen kamen und jubelten, dass es etwas zu essen gab.

So weit mein objektiv betrachteter Anschluss B. Aber für einen jüdischen Emigranten aus Mitteleuropa drängt sich eine dritte Variante auf, die bedrohlicher denn je in der Waldheim-Affäre manifest wurde.

Anschluss C wird vor allem durch den in Österreich endemischen Antisemitismus ins Leben gerufen. Nicht lange nach dem Freudentaumel der Braunhemden sah ich, wie mein Vater in ein Konzentrationslager verschleppt wurde. Er kam lebend zurück. Meine Großmutter und meine Tante nicht.

Anschluss C geschah in einem Land der Mörder. Dieser Anschluss empört, aber wenigstens verwirrt er nicht. Er lässt mich auf ein gleichmäßig schurkisches Volk zeigen, das gleichmäßig und allein schuld ist, immer noch gleichmäßig und offen sichtbar.

Ich kann mit einem Verlust besser umgehen, wenn ich ihn ohne Verwirrung sehe. Anschluss C erklärt den Horror auf einfache Weise und befreit mich von einem Aspekt des damaligen Leids. Zudem verleiht mir Anschluss C heute einen moralischen Vorteil, den ich nicht erarbeiten musste: Ich bin das reine Opfer eines reinen Bösen.

Aber bin ich das? Mein 13 Jahre altes Selbst, so fehlbar vor den Verführungen von Anschluss A, war nicht rein (und das Alter hat mir keine Heiligkeit verliehen). Und der historische Blick auf Anschluss B wird misstrauisch angesichts aller Blankoschuld, die von den Höhen absoluter Reinheit zugeschrieben wird - es ist dies ein Urteil, dass die Verwirrungen und Verwicklungen ignoriert, die den Menschen eigen sind.

Ja, vor 75 Jahren hallte auf dem Heldenplatz "Heil!" aus hunderttausend Kehlen wider. Das Echo irritiert mich immer noch. Die antisemitische Stoßrichtung dieses Lärms kam aus einer monströsen Verkümmerung der Seele des Menschen.

Es ist jenseits meiner Macht, diese Monstrosität ungeschehen zu machen. Aber ich kann mich dagegen wehren, dass sie mich so weit bringt, sie mit umgekehrten Vorzeichen zu wiederholen. Das aber würde ich tun, wenn ich " österreichisch" auf ein Synonym für "antisemitisch" reduzierte. Der Unmenschlichkeit der Nazis rückwirkend zu begegnen heißt zu zeigen, dass es ihr nicht gelungen ist, das Urteilsvermögen der Überlebenden zu entmenschlichen.(Frederic Morton, Übersetzung aus dem Englischen von Michael Freund/DER STANDARD, 9./10. 3. 2013)


Frederic Morton (88) wurde in Wien als Fritz Mandelbaum geboren. Der Schriftsteller und Sachbuchautor (u. a. "Die Ewigkeitsstraße", "Die Rothschilds") lebt in New York. Seine Autobiografie "Durch die Welt nach Hause" erschien 2006 bei Deuticke.

© The New York Times

  • Frederic Morton über "Anschluss A" aus Sicht seines damals 13-jährigen Ichs namens Fritz Mandelbaum: "Ich erinnere mich, dass ich wusste: Wenn ich nicht so zitterte, würde ich gerne mitmarschieren."
    foto: corn

    Frederic Morton über "Anschluss A" aus Sicht seines damals 13-jährigen Ichs namens Fritz Mandelbaum: "Ich erinnere mich, dass ich wusste: Wenn ich nicht so zitterte, würde ich gerne mitmarschieren."

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