"Der Staat ist vergewaltigt worden"

    Interview8. März 2013, 18:28
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    Militärhistoriker Manfred Messerschmidt über die ideologische Durchdringung durch die Nazis, den "Anschluss", der nicht zu verhindern war, und Lebenslügen

    STANDARD: Wie wichtig war es für die Nationalsozialisten, dass Österreich Teil Hitler-Deutschlands wurde?

    Messerschmidt: Wehrwirtschaftlich war die Bedeutung sehr groß. In Deutschland war die Lage aufgrund der Hochrüstung schon ziemlich angespannt. Es gab kaum noch Reserven. Außenpolitisch argumentiert, kam der Balkan durch die Besetzung Österreichs in deutsche Reichweite.

    STANDARD: Hätte Österreich den "Anschluss" verhindern können?

    Messerschmidt: Nein, es gab Kontakt mit Italien und Ungarn. Beide Länder waren 1938 nicht bereit, Österreich zu unterstützen. Auch mit den Westmächten konnte Österreich nicht rechnen. Vor allem Großbritannien war immer schon der Meinung gewesen, dass der Anschluss eines Tages sowieso kommen würde.

    STANDARD: Widerstand war also zwecklos?

    Messerschmidt: Bei dem Stand der deutschen Aufrüstung und der zahlenmäßigen Überlegenheit? Das wäre aussichtslos gewesen. Die personelle und materielle Überlegenheit war zu groß. Den Nationalsozialisten war auch schon vorher sehr daran gelegen, die ideologische Durchdringung Österreichs voranzutreiben. Und für den Österreicher Adolf Hitler kamen natürlich auch noch andere Dinge ins Spiel. Erinnern Sie sich an seinen späteren Ausspruch: "Österreich kehrt heim ins Reich!"

    STANDARD:Der Jubel für die einmarschierende Wehrmacht zeigt, dass diese "Durchdringung" offensichtlich funktioniert hat.

    Messerschmidt: Das ist in Deutschland auch mit einkalkuliert worden. Die Nazis rechneten nicht mit Widerstand. Das war schon zuvor im vom Generalstab entworfenen sogenannten Operationsplan "Otto" vorgesehen gewesen. Und so ist es ja auch später gekommen. Es gab praktisch keine Gewaltanwendung - außer durch die SS, die hat ihre speziellen Ziele verfolgt. Man versuchte, den Eindruck zu erwecken, hier kommt ein Freund, kein Besatzer. Und die Mehrheit hat das wohl auch so gesehen. Es gab ja so etwas wie Begeisterung.

    STANDARD: Nach dem Zweiten Weltkrieg lautete die offizielle Geschichtsschreibung, Österreich sei erstes Opfer gewesen.

    Messerschmidt: Das kann man ja auch gut verstehen. Der Krieg war verloren, das Image Österreichs am Boden. Da war es eine gute Abwehrwaffe zu sagen, wir sind doch selbst vergewaltigt worden. Der Staat ist vergewaltigt worden, auch politische Gegner, von den Juden gar nicht erst zu sprechen - aber die Reaktion der Bevölkerung hat das nicht widergespiegelt.

    STANDARD: Eine Lebenslüge?

    Messerschmidt: Ja, das kann man wohl so sagen.

    STANDARD: Sie waren in den Achtzigerjahren auch Mitglied jener Kommission, welche die Kriegsvergangenheit des umstrittenen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim untersucht hat. Welchen Eindruck haben Sie aus den persönlichen Gesprächen mit ihm gewonnen?

    Messerschmidt: Unsere Aufgabe war es, zu klären, ob sich Kurt Waldheim als Soldat und Offizier von nationalsozialistischer Sehweise hat einbinden lassen. Er selbst hat immer so getan, dass das nicht der Fall war. Waldheim war erster Ordonnanzoffizier bei der 12. Armee in Griechenland, da ist natürlich vieles über seinen Schreibtisch gegangen. Und natürlich wusste er davon, dass Juden nach Auschwitz deportiert und umgebracht wurden. Er hat das immer bestritten, auch das, was wir mit Dokumenten nachweisen konnten. Er hat versucht, uns eine Menge vorzulügen.

    STANDARD: War Waldheim mehr als ein klassischer Mitläufer?

    Messerschmidt: Ja, das war er. Waldheim war nicht bloß nur ein Mitläufer.

    STANDARD: Es leben immer weniger Zeitzeugen. Wie verändert sich damit der Blick auf die Geschichte?

    Messerschmidt: Ich denke, dass sehr viele Menschen sagen, wir leben jetzt in der Europäischen Union, und das Thema ist abgearbeitet. Kurz: Das ist alles vorbei, von gestern. Auch Themen des Zweiten Weltkrieges rücken immer mehr in den Schatten der Geschichte rücken.

    STANDARD: Sie sind selbst Zeitzeuge, wie haben Sie den Krieg erlebt?

    Messerschmidt: Ich bin im letzten Kriegsjahr Pionier in einem Ersatzbataillon gewesen. Davor war ich Flakhelfer in Dortmund.

    STANDARD: Trafen Sie auch auf Soldaten aus Österreich?

    Messerschmidt: Wir hatten einen Wiener Leutnant, der hat sicher nie gedacht, dass er in einer fremden Armee dient. Aber das kann man wohl von den meisten Soldaten aus Österreich sagen. (Peter Mayr/DER STANDARD, 9./10. 3. 2013)

     


    Manfred Messerschmidt (86) ist deutscher Militärhistoriker, Jurist und Autor von Standardwerken zur Militärgeschichte. Messerschmidt war auch Mitglied der "Waldheim-Kommission".

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