Umfrage: 42 Prozent sagen "Unter Hitler war nicht alles schlecht“

Conrad Seidl
8. März 2013, 18:24
  • Die Bewertung des " Anschlusses" spaltet noch heute die österreichische Bevölkerung.
    foto: foto: apa/hilscher, albert/önb-bildarchiv/picturedesk.com

    Die Bewertung des " Anschlusses" spaltet noch heute die österreichische Bevölkerung.

Mehr als jeder Zweite räumt der NSDAP in Österreich Chancen in freien Wahlen ein - 61 Prozent sehen ausreichende Aufarbeitung

Angenommen, es gäbe kein Verbotsgesetz, das Nationalsozialistische Wiederbetätigung unter Strafandrohung stellt: Hätten die Nazis in Österreich mit ihrer völkischen Ideologie überhaupt genügend Rückhalt, um in Österreich in freien Wahlen erfolgreich zu sein? 75 Jahre nach dem " Anschluss" an Hitler-Deutschland ließ der Standard diese Frage 502 repräsentativ ausgewählten Wahlberechtigten stellen - und 54 Prozent antworteten, dass das sehr wohl möglich wäre. Es sind vor allem junge und höher gebildete Befragte, die den Nazis Wahlchancen einräumen. Die Meinung, dass Nazis bei Wahlen chancenlos wären, wird vor allem von VP- und Stronach-Anhängern vertreten. Zum Verbotsgesetz meinen 37 Prozent, es sei zu lasch, 50 Prozent halten es für gerade richtig und 13 Prozent meinen, es sei zu streng.

In derselben Umfrage, die das Linzer Market-Institut diese Woche durchgeführt hat, zeigt sich auch, dass sich 61 Prozent der Befragten einen "starken Mann" an der Spitze Österreichs wünschen. Es sind vor allem ältere Menschen, die das wollen - und einzig unter den erklärten Grün-Wählern gibt es eine entschiedene Ablehnung dieser Idee. Ähnliche Studien sind - allerdings auch mit anderen Fragestellungen - auf niedrigere Zahlen gekommen. So gab 2008 in der Werte-Studie ein Fünftel der Befragten an, sich sehr oder ziemlich gut vorstellen zu können, " einen starken Führer zu haben, der sich nicht um ein Parlament und um Wahlen kümmern muss".

Market fragte: "Es gibt ja in der Politik und der öffentlichen Diskussion immer wieder Aussagen wie zum Beispiel ,Leistungen vom Staat sollte es nur für das eigene Volk geben' und Ähnliches. Da gibt es ja grundsätzlich zwei gegenteilige Meinungen, die einen sagen, das ist absolut in Ordnung und richtig (Meinung A), die anderen sagen, das ist eine engstirnige, radikale und beschämende Ansicht (Meinung B). Welcher dieser Meinungen können Sie sich eher anschließen?" Daraufhin bekannten sich 57 Prozent (und beinahe alle bekennenden FP-Wähler) zur Meinung A.

Mehrheit glaubt an freiwilligen Anschluss

In der aktuellen Umfrage sagten 42 Prozent "Unter Hitler war nicht alles schlecht". 57 Prozent vertreten die Gegenthese: "Es gab an der Hitler-Zeit keine guten Aspekte" - die Anhänger eines "starken Mannes" sind tendenziell auch geneigt, Positives in der Nazizeit zu entdecken. Die Frage, ob Österreich 1938 "das erste Opfer Hitler-Deutschlands" gewesen ist oder ob Österreich sich freiwillig angeschlossen hat, bleibt umstritten: Eine knappe Mehrheit von 53 Prozent meint, der Anschluss sei freiwillig erfolgt, 46 Prozent sehen Österreich in der Opferrolle.

Der Standard ließ auch fragen: "Damals nach dem Anschluss gab es ja massive Ausschreitungen, vor allem gegen die jüdische Bevölkerung in Österreich. Wenn Sie jetzt an das heutige Europa denken, wären solche Ausschreitungen noch vorstellbar oder ist das nicht der Fall?" Nur zwölf Prozent halten solche Ausschreitungen für völlig unmöglich, 32 Prozent halten sie für eher nicht wahrscheinlich - doch eine Mehrheit hält sie für eher schon möglich (39 Prozent) oder gar sehr wahrscheinlich (17 Prozent).

"Ist die nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs aus Ihrer Sicht heute ausreichend aufgearbeitet worden oder gibt es nach wie vor Bedarf einer Aufarbeitung von Österreichs Vergangenheit in der Nazizeit?" Da sagen 61 Prozent, die Nazizeit sei ausreichend aufgearbeitet, 39 Prozent sehen Nachholbedarf. Ähnlich gespalten ist die Meinung, wenn es um die Entschädigung von Nazi-Opfern geht. 57 Prozent meinen, dass "die Opfer dieses Unrechts beziehungsweise deren Nachkommen ausreichend entschädigt worden" sind, 42 Prozent sagen, das wäre nicht der Fall.

Hätte sich Österreich militärisch gegen den "Anschluss" wehren sollen? Nur 15 Prozent meinen, dass ein solcher Krieg sinnvoll gewesen wäre. 42 Prozent glauben, ein Krieg hätte Österreichs Lage verschlechtert, und 43 Prozent meinen, es hätte keinen Unterschied gemacht. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 9./10.3.2013)

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58% können die Wahrheit nicht ertragen oder haben andere Gründe , den Kopf in den Sand zu stecken

Wie definiert die Umfrage alles? Netto wars ja schlecht, aber wenn noch so ein kleines gutes Ereignis dabei gewesen wäre (was auch immer das gewesen sein soll, vl. ein Arbeitsloser weniger(?) ), ist die Aussage alles ist schlecht logisch unzulässig.

autobahnthema

will festhalten, dass in der ostmark (das ist das heutige österreich) nur wenige kilometer autobahn entstanden sind (weniger als zwanzig kilometer). im altreich sind es an die viertausend kilometer gewesen. dass der autobahnbau eine große auswirkung auf die arbeitslosigkeit gehabt hat, ist ein mythos. dabei sind nämlich relativ wenige menschen beschäftigt worden (im vergleich zu den arbeitslosenzahlen).

http://www.wabweb.net/verkehr/a... /a_ab3.htm
(da sieht man, wann welche autobahnteilstücke in österreich fertiggestellt worden sind.)

http://de.wikipedia.org/wiki/Reic... ein_Mythos
(autobahnen zur arbeitsbeschaffung - ein mythos)

Povokant...

Was soll unter dem Statement "unter Hitler war nicht alles schlecht" falsch sein?
Ist denn jetzt "unter Fischer" auf einmal "alles gut"??

Mehr sachliche Differenziertheit würde die Menschen eher zum Denken anregen, wie das gedankenlose Nachplappern von Pauschalurteilen.

Provokat ist wohl Ihre Fragestellung, die jedem klar denkenden Menschen die Zornesröte ins Gesicht treibt

Wenn Ihnen nicht klar ist, dass die Differenzierung darin besteht, dass Hitler ein bestialischer Verbrecher und Diktator war, der Kriege vom Zaun gebrochen hat und für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich ist und Fischer ein Bundespräsident eines demokratischen Landes ist und einen einwandfreien Leumund besitzt, so muss ich wohl an Ihrem Verstand zweifeln oder Ihre Gesinnung verurteilen.

Dass Hitler zur Erreichung seiner Zwecke alle Mittel eingesetzt hat ("Zuckerbrot und Peitsche"), ist bekannt. Ihn oder seine Zeit wegen des "Zuckerbrots", das ausschließlich zur Erreichung der verbrecherischen Ziele verteilt wurde, als "nicht so schlecht" einzustufen, ist die Saat der neobraunen Propaganda.

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Ah, geh!

Will keinesfalls die Verbrechen der NS-Zeit schönreden, aber das ewige Hitler-Gewäsch hängt mir zum Hals raus.
Bestialische Verbrecher gibt's rund um den Globus mehr als eine Generation verträgt und jeder Krieg wird unmenschlicher. Schaun's in den Irak, Schaun's, was in Afrika abgeht oder in Palästina.

Wir würden besser daran tun, die Vergangenheit ruhen zu lassen (wir können sie ohnehin nicht mehr ändern), aus ihren Fehlern zu lernen und JEZTZ / KÜNFTIG ähnliche Schicksale vermeiden.
Vor lauter Opfergedenken kommen wir gar nicht mehr dazu, gegenzusteuern, was diverse Machteliten täglich anrichten...

Demokratie erfordert Zivilcourage der Staatsbürger.
Also gibt es in Ö eine latente Nazimehrheit der Feiglinge, Spießer und Denunzianten,

Um das festzustellen bedarf es keiner Umfrage ...

Zivilcourage der Staatsbürger... die gibt es in der Realität kaum, reines idealisierendes Wunschdenken!

...heißt das also jetzt, dass Demokratie gar nicht funktionieren kann und alle bisherigen gutgemeinten Versuche bloß zum Scheitern verurteilte Testszenarien sind...?
Unser Wirtschaftssystem produziert eben systembedingt vorrangig typische Egoisten....
...weil die wahren Idealisten da sofort auf die Nase fallen...

das kann man auch wieder nicht sagen. es gibt immer wieder leute, die etwas riskieren und sich engagieren (individuell oder in vereinen). auf der anderen seite gibt es eine vielzahl von missständen, oft über jahre und jahrzehnte, und man fragt sich, wie so etwas möglich ist. den betroffenen nützt es wenig, dass die wirtschaft insgesamt relativ gut da steht. die vermögen sind extrem ungleich verteilt.

Warum wird hier überhaupt diskutiert?

"Wollen Sie einen starken Mann an der Spitze?" Selbstverständlich nicht!!! Ich will einen Kanzler, der nichtmal alleine aufs Klo gehen kann und der, wenn man ihm unabsichtlich auf die Zehen tritt, anfängt zu weinen.

"War unter Hitler alles schlecht?" Natürlich war nicht alles schlecht. Das Haus des Meeres ist dem Berliner Architekten mMn ganz gut gelungen, die MT-Kaserne wird immer noch genutzt und der Donau-Oder Kanal dient dem einen oder anderen Alt-Hippie nach wie vor als unwiderstehliches FKK-Adventure.

Und wie ein Vorposter schon angemerkt hat: Es gab bestimmt auch guten Schweinsbraten und manchmal auch schönes Wetter

2140 Postings zu diesem Thema

... das ist rekordverdächtig!

Unfragen sagen:42% sagen.....

Das mich kaum wundert!Die "Ösi's" hatten & haben eine starke Affinität zu Verführern,zu "Rattenfängern"!"Heldenplatz",(Burgaufführung"),öfters ansehen!Da "wundert" es keinem "sehenden" mehr,welche % Sätze,!,sich in zahlreichen "Gehirnen" sammeln...

Die Gschichtln der Großväter, der verheerend schlechte Geschichtsunterricht in Österreich, die Verlogenheit und Ängstlichkeit der allermeisten Politiker/innen seit 1955 im Umgang mit den historischen Fakten, die Loyalität zu autoritären Verwandten, mangelndes Demokratiebewusstsein, Desinteresse an Politik und Geschichte haben in Österreich "ganze Arbeit" geleistet.

So gesehen ist die Ignoranz Opfer ihrer Verhältnisse.
Aber auch ihrer eigenen Passivität: Denn wer Interesse daran hat, mehr zu wissen als mit 14-18 Jahren, hätte das ganze Leben zur Verfügung.

mein vor kurzem verstorbener großvater

ist nach seiner einberufung sofort desertiert und hat jahre in kriegsgefangenheit in amerika verbracht.
mein geschichtsunterricht war ausgezeichnet, mit dem typischen österreichischen schwerpunkt auf den zweiten weltkrieg.

ich hätte bei der umfrage wohl zu den 42% gehört, weil ich mich weigere in binäre logik zu verfallen. schwarz-weiß sind nichtmal zebras..
kleinere kurzfristige positive veränderungen können massenhaften mord nicht aufwiegen, aber es geht um etwas anderes:
um das bewusstsein, dass auch die schlimmsten menschen gern versuchen, ihre abscheulichen pläne in rosa glitzerpapier zu verpacken!

anders gesagt: wenn sie annehmen, dass jeder neonazi einen hitlerbart hat, wählen sie vielleicht einen in die regierung!

Soso ... "gleich nach der Einberufung desertiert" "amerikanische Kriegsgefangenschaft", das mit dem "einer juedischen Familie bei der Flucht geholfen" haben Sie vergessen ...

allerdings gibt's solche fälle wirklich. generell gebe ich ihnen recht!

Ich vermute, dass eine allzu aggressive Herangehensweise an Aufklärungsansprüche

viele verschreckt und viel Schaden angerichtet hatte.

Zusätzlich zu deinen Punkten. Und siehe da, auch deine „Gschichtln der Großväter “ zähle ich zum Negativum.

hatte vor kurzem ein gespräch

in dem das thema auftauchte (godwins law..)

jedenfalls meinte mein gegenüber, es ist gefährlich das nazi-regime als 100% schlecht hinzustellen, weil dies eine schwarz/weiße welt suggeriert.

er konnte mich überzeugen, denn ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass für viele deutsche/österreicher nach der Weltwirtschaftskrise die persönlichen positiven folgen des Nazionalsozialismus anfangs überwiegten, bevor der krieg entfacht wurde und millionen menschen starben.

in einer schwarz/weißen welt wäre ein zukünftiges "böses" regime eindeutig erkennbar, das entspricht aber nicht den tatsachen!
die darstellung der nazis als das 100% Ultraböse, führt demzufolge zu verblendung und unvorsicht!

Das sind zweierlei Paar Schuh

Einmal. Wie er war, und einmal, wie er teilweise empfunden wurde.

Nur weil die Kriegsvorbereitungen Leute brauchten, kann man das nicht als „Arbeitsbeschaffung“ bezeichnen/betrachten.

Dass Millionen erstmals ein Bett in einer sauberen kleinen Wohnung hatten, hatte auch propagandistische Wirkung, wurde als angenehm empfunden, ist allerdings kein Positivum.

Genauso wie auch die Zuckerl nicht, die der Kinderverzahrer verteilt.

natürlich

hat die aufrüstung die wirtschaft in deutschland befördert, und ganz sicher hat deutschland die weltwirtschaftskrise so viel schneller bewältigen können.
ich würde dies als kurzfristigen positiven einfluss werten.
soweit ich weiß hat deutschland schon nach wenigen jahren hitler vollbeschäftigung, mit der fürchterlichen konsequenz ganz und gar auf krieg(sproduktion) eingestellt zu sein. mit grausamen weltweiten folgen..

ein politiker der wahlzuckerl verteilt, in den laufenden amtsjahren aber die region herabwirtschaftet, hat beispielsweise auch kurzfristige positive effekte, JA, und auch ihr erwähnter "Kinderverzahrer"
so wie kinder lernen müssen zuckerl nicht anzunehmen, müssen wir das bei politikern machen!

wobei die mittel dafür aus vier quellen stammten: gold der österreichischen nationalbank, geraubtes vermögen der juden, geraubtes vermögen, produkte und bodenschätze aus den eroberten gebieten, zwangsarbeit.

Aber werden in der Demokratie nicht die gewählt,

die die größten Zuckerln verteilen. Jedenfalls von der Bildungsfernen Schicht.
Und die nimmt halt leider immer mehr zu. So gesehen sieht es schlimm aus für die Zukunft.

Gespräch, na gut

Aber wissen Sie und Ihr Gegenüber, was das WESENTLICHE am Nationalsozialismus ist??

Autobahnen wurden vorher und nachher gebaut, aufs Klo sind die Leute vorher und nachher gegangen, politische Versprechungen einer besseren materiellen Zukunft hat es vorher und nachher gegeben - aber der Nationalsozialismus hat ganz charakteristische Merkmale, wofür er steht und was er macht, und das war und ist immer bekannt.

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