Pro Tag lege ich hier einige Kilometer zurück

10. März 2013, 16:49
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Der französische Künstler Sébastien de Ganay lebt mit seiner Familie in einer aufgelassenen Radiostation in Bad Deutsch-Altenburg

Der französische Künstler Sébastien de Ganay lebt mit seiner Familie in einer aufgelassenen, umgebauten Radiostation in Bad Deutsch-Altenburg. Wojciech Czaja wanderte mit ihm übers Gelände.

"Früher haben wir in Petronell-Carnuntum gewohnt, aber wir waren mit unserer Wohn- und Arbeitssituation nicht sehr zufrieden und wollten uns irgendwie vergrößern. Durch Zufall sind wir im Internet auf dieses Inserat gestoßen, das damals schon seit mehr als einem Jahr online war: 'Radiostation, Bad Deutsch-Altenburg.' Es war Begeisterung auf den ersten Blick. Wir sind reingekommen, haben uns kurz umgesehen, und es war eigentlich sofort klar: Das ist es!

Der älteste Teil stammt aus dem Jahr 1913. Ein weiterer Teil ist 1930 dazugekommen, und dann gibt es noch eine Halle aus den Sechzigerjahren. In den Achtzigerjahren wurde die Station aufgelassen. Die Technologie war nicht mehr modern genug, und ich nehme an, der Fall des Eisernen Vorhangs hat auch damit zu tun hat. Gerüchten zufolge war das hier auch eine Abhörstation.

In den Folgejahren war hier eine Tischlerei drin. Danach stand das Ensemble viele, viele Jahre leer. Als wir die Station übernommen haben, war der Zustand katastrophal. Der Hof war komplett zuasphaltiert, die Wände waren feucht und verschimmelt, und durch das Dach ist an einigen Stellen das Wasser eingedrungen. So richtig wasserfallmäßig! Ein Freund von uns hat sich das Haus angeschaut und gemeint: 'Seid ihr wahnsinnig? Das ist ja scheußlich hier!'

Aber wir waren immer schon Optimisten. Das hat uns geholfen. Zu Beginn haben wir den Wohntrakt saniert, da, wo früher mal die Arbeiter- und Angestelltenquartiere drin waren, später kam dann eine einfache Sanierung des Ateliers dazu. Das ist jener Teil des Gebäudes, wo damals die Funkstation drin war. Die Geräte sieht man teilweise immer noch. Nur die Sendemasten gibt's leider nicht mehr. 2005 schließlich haben wir den Wohnbereich erweitert. Die Planung stammt von Nina Safainia, einer befreundeten Architektin von uns.

Die Wohnfläche hat rund tausend Quadratmeter, aber immerhin haben wir vier Kinder und nutzen das Haus ja auch als Büro. Und das Atelier mit den ganzen Lackier- und Schweißräumen und den großen Lagerhallen hat noch mal 3000 Quadratmeter. Man ist ständig in Bewegung. Ich pendle die ganze Zeit zwischen Haus und Atelier und lege pro Tag wahrscheinlich einige Kilometer zurück. Das hält mich fit.

Der Umbau hat uns viele Nerven gekostet. Andererseits: Ich habe noch nie zuvor so glücklich gewohnt wie hier. Nicht einmal damals in Frankreich. Wir haben viel Platz, und draußen vor dem Fenster liegen Wiesen, Felder und Paradeiserplantagen. Überall Natur! Wie geht noch mal das deutsche Sprichwort mit dem Fuchs und dem Hasen? Einen Nachteil hat das alles allerdings: Wir haben zwei Jagdhunde, und regelmäßig brechen sie aus, um Rehe, Hasen und Fasane auszuspionieren.

Besonders schön ist der Ausblick hier von meinem Arbeitszimmer aus. Oft sitze ich da und schaue einfach nur in die Landschaft hinaus. Ansonsten nutze ich das Zimmer zum Lesen, Briefeschreiben und so weiter, und natürlich auch für konzeptionelles Arbeiten. Das Sofa ist übrigens ein Eigenentwurf. Das müsste jetzt fast 30 Jahre alt sein. Es schaut schrecklich aus, wenn man sich ehrlich ist. Aber ich liebe es.

Der Rest der Möbel ist zusammengetragen von diversen Reisen, Trödlern, Wohnungsauflösungen und Versteigerungen. Ein wilder Mix. Aber das ist es, was ich unter Gemütlichkeit verstehe. Der einzige Bereich, auf den die Gemütlichkeit noch nicht so zutrifft, ist meine große Werkstatthalle. Da gibt es keine Wärmedämmung, die Wände sind feucht, und die Fenster sind kaputt. Im Winter ist es kaum auszuhalten. Das ist das nächste Projekt, das wir in Angriff nehmen müssen." (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 9./10.3.2013)

Sébastien den Ganay, geboren 1962 in Frankreich, studierte Filmkunst und Politikwissenschaften an der Columbia University, N. Y. 2000 gründete er den Kunstbuchverlag "onestar press". Seine Kunst umfasst Möbel, Skulpturen und Gemälde an der Schnittstelle von Konzeptkunst und Grafik. Zu seinen aktuellen Arbeiten zählt die Serie "Cartons", in der er Pappkartons in lackiertem Aluminium nachbaut. Er hatte etliche Ausstellungen, u. a. bei Häusler Contemporary sowie in der Galerie Steinek in Wien. Kürzlich war seine Arbeit in der Ausstellung "Book Machine" im Centre Pompidou zu sehen.

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sebastiendeganay.com

  • "Überall Natur! Oft sitze ich da und schaue einfach nur in die Landschaft hinaus." Sébastien de Ganay im Arbeitszimmer seines einst funkenden Anwesens. 
    foto: lisi specht

    "Überall Natur! Oft sitze ich da und schaue einfach nur in die Landschaft hinaus." Sébastien de Ganay im Arbeitszimmer seines einst funkenden Anwesens. 

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