"Nachhaltigkeit - für viele kein Must-have"

Interview11. März 2013, 10:01
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Das Bewusstsein ist da, das Businessmodell nicht. Bei den Möglichkeiten und Chancen seien sich Unternehmenslenker noch nicht einig, sagt Yvo de Boer, Global Sustainability Advisor (KPMG)

Im Fokus des aktuellen "Wirtschaftsbarometers Klimaschutz 2012" stand die Frage, inwieweit Nachhaltigkeitsthemen in die Unternehmensstrategie einfließen und das Management damit befasst sei. Zum dritten Mal in Folge befragten der Wirtschaftsprüfer und Berater KPMG gemeinsam mit der WWF (World Wildlife Fund) Climate Group österreichische Unternehmen quer durch die Branchen nach ihrer Meinung zur internationalen Klimapolitik, nach praktizierter Nachhaltigkeit im eigenen Unternehmen und deren Überprüfbarkeit. Die Befragung brachte folgende Ergebnisse:

  • Die Hälfte der Studienteilnehmer - Geschäftsführer und Führungskräfte aus 137 Unternehmen unterschiedlicher Größen - geht davon aus, dass der Klimawandel direkte negative Effekte auf das eigene Unternehmen haben wird.
  • 98 Prozent fehlen klare Vorgaben in Sachen Klimapolitik.
  • Bereits mehr als zwei Drittel der Unternehmen setzen Aktivitäten - auf sozialer, ökologischer und ökonomischer Ebene.
  • Als große Herausforderung zählt u. a. die Bewusstseinsbildung bei Mitarbeitern und Kunden.
  • Zu den "wichtigsten internen Triebkräften" zählen "das Richtige tun", positive Auswirkungen auf die Belegschaft und Erhöhung der Attraktivität als Arbeitgeber, Interessen von Aufsichtsrat, Eigentümern und Investoren.
  • Nicht börsennotierte Unternehmen beurteilen den Druck von Eigentümerseite (nachhaltig zu handeln) fast doppelt so hoch wie börsennotierte Unternehmen.
  • In einem Drittel der befragten Unternehmen sind Nachhaltigkeitsprogramme mit quantitativen Zielen (samt Nachhaltigkeitscontrolling, interner oder externer Datenprüfung) und klaren Verantwortlichkeiten vorhanden.

STANDARD: Herr de Boer, in Österreich ist das Thema Nachhaltigkeit - laut Ihrer Studie - nur bei einigen Unternehmen weiter als über den Status einer Bewusstseinsbildung hinausgekommen, also auch Teil der Geschäftsstrategie. Wie lauten für Sie die möglichen Gründe dafür?

De Boer: Ich sehe Österreich da nicht als Riesenausnahme. Das ist eine Eigenart des Themas an sich. Man nimmt den Klimawandel als Riesenthema wahr - wenn es allerdings darum geht, zu verstehen, was das für die eigene Betriebspolitik und die Integration des Themas in ein Businessmodell bedeutet oder bedeuten kann, stehen viele - besonders kleinere Unternehmen - noch am Anfang.

STANDARD: Das Gros der Befragten gibt als Grundhaltung an, dass ökologisch nachhaltiges Handeln ökonomische Vorteile bringt. Wie sehen denn Ihrer Erfahrung nach die ersten Schritte von der Theorie in die Praxis aus?

De Boer: Zwei Dinge möchte ich dazu sagen. Im ersten Schritt geht es zunächst oft um Kostenreduktion - um Energie-, Wasser-, Produktionskosten etc. -, die sehr viele Betriebe schnell und effizient realisieren können und die einen positiven ökonomischen Schritt bedeuten. Der zweite Schritt - und den halte ich persönlich für den interessanteren - ist die Frage: Wie kann das Thema Nachhaltigkeit zu neuen Marken, Produkten, Dienstleistungen oder einer anderen Positionierung am Markt beitragen? Die meisten Unternehmen sind noch bei Schritt eins. Und dann gibt es ein paar Ausnahmen, die schon auf der Suche nach Schritt zwei sind.

STANDARD: Warum aber geht dieser Prozess so langsam voran?

De Boer: Das hat mit ein paar Dingen zu tun. Erstens ist es so, dass viele Dinge im Spektrum Nachhaltigkeit in diesem Moment nicht den richtigen Preis haben - das fängt erst jetzt langsam an, sich zu ändern.

Das heißt aber auch, dass die Unternehmen eine andere Perspektive auf Dinge wie etwa Kosten oder Risiko haben müssen. Zweitens sind sich wohl viele Unternehmen ihrer Möglichkeiten im Rahmen von Nachhaltigkeit noch nicht bewusst. Drittens ist es so, dass die Nachfrage nach konventioneller Dienstleistung noch hoch ist und man jetzt erst beginnt, über mögliche Markenentwicklungen nachzudenken bzw. diese auch als Chance für Wachstum zu sehen.

STANDARD: Apropos Chance - wird das Thema allgemein als Chance oder als eines angesehen, dass man von außen "aufgezwungen" bekommt?

De Boer: Leider gibt es noch viele Betriebe, für die Nachhaltigkeit ein Nice-to-have ist und kein Must-have. Ich glaube aber, dass es eine wachsende Gruppe von Betrieben gibt, für die es zum Must-have wird, da es um essenzielle Risiken für die Betriebsführung geht. Und ich glaube, dass es eine kleine Gruppe gibt, die versteht, dass Nachhaltigkeit die Möglichkeit für Wachstum bietet - etwa für neue Dienstleistungen.

STANDARD: Noch mal zurück zur Studie: Darin wird die Rolle des CEO (Chief Executive Officer) - nicht überraschend - als tragende Person dargestellt. Neu ist aber, dass auch die Rolle des CFO (Chief Financial Officer) an Bedeutung gewinnt - Stichwort Nachhaltigkeitscontrolling. Bekommt der CFO eine zusätzliche Aufgabe?

De Boer: Ich glaube nicht. Ich denke, dass viele CFOs eine ganze Menge Dinge, die aus ihrer Sicht betrachtet wichtig sein sollten, zurzeit nicht wirklich wahrnehmen. Wenn es etwa um das Risiko eines Klimawandels geht oder um Energiepreise, Materialknappheit oder politische Veränderungen ganz allgemein, wird das von vielen CFOs nicht als Teil der ökonomischen oder finanziellen Strategie eines Unternehmens gesehen.

STANDARD: Jetzt, da man merkt, dass das gängige Wirtschaftssystem an seine Grenzen stößt - halten Sie das Thema Nachhaltigkeit für einen möglichen Paradigmenwechsel für potent genug?

De Boer: Teilweise ja. Betriebe und Konsumenten müssten allerdings gleichermaßen mitspielen. Leider ist es noch sehr oft so, dass der Konsument Nachhaltigkeit wichtig findet, wenn es ihn selbst nicht mehr kostet. An dieser Stelle ist die Politik gefordert. (Heidi Aichinger, DER STANDARD, 9./10.3.2013)

Yvo de Boer (58) ist in Wien geborener Niederländer, seit 2010 Special Global Advisor Climate Change and Sustainability bei KPMG. Davor war er zuletzt Generalsekretär der Klimarahmenkonventionen der Vereinten Nationen (UNFCCC).

  • "Das Risiko des Klimawandels wird von vielen CFOs nicht als Teil der ökonomischen Strategie eines Unternehmens gesehen", sagt Global Sustainability Advisor (KPMG) Yvo de Boer.
    foto: robert newald

    "Das Risiko des Klimawandels wird von vielen CFOs nicht als Teil der ökonomischen Strategie eines Unternehmens gesehen", sagt Global Sustainability Advisor (KPMG) Yvo de Boer.

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