Die Faszination des amerikanischen Supermarkts

Kolumne8. März 2013, 17:20
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Ein Krisenkolumne zum Shock-and-awe-Erlebnis

Ich stehe auf amerikanische Supermärkte und bin nicht der Einzige, der das tut. Mein Freund Bill, er muss es ja wissen, erzählt mir, dass jeder europäische Kalifornien-Besucher erstens Disneyland, zweitens die Golden Gate Bridge und drittens einen Supermarkt besichtigen will, und zwar möglichst einen aus der Megakategorie. Die Europäer sind geil auf das marktwirtschaftliche Shock-and-awe-Erlebnis, das nur so ein Ami-Super-Duper-Shopping-Tempel richtig gefühlsecht herüberbringt.

Denn wenn schon Kapitalismus, dann richtig. Die einzigen Euro-Supermärkte, die den US-Mammutmonstren das Wasser reichen können, sind ein paar durchgeknallte Hypermarchés an den französischen Stadträndern. Aber vielleicht täusch' ich mich da. Besucher aus der Alten Welt sollten jedenfalls eine Bussole, ein GPS oder einen Ariadnefaden in die USA mitnehmen, wenn sie nicht verlorengehen wollen. Im hektargroßen Niemandsland zwischen Fertigpizzaglashäusern und Crackerdepartments ist mehr als ein Europäer auf Nimmerwiedersehen verschollen.

Auf in die Shopping-Trance! Diesmal verfiel ich restlos der Cookie-Abteilung und dem Erfindungsreichtum der amerikanischen Cookie-Branche, die - Yummie! Yummie! - in jedem Bundesstaat von Alabama bis Wyoming berserkerhaft an der Ausdifferenzierung des Cookie-Prototypus werkt. Die Ausdifferenzierung erfolgt durch Hinzufügung jeder möglichen cookiekompatiblen Beigabe, aber auch nach dem Weglassprinzip für wählerische Konsumenten.

In den Regalen wimmelt es deshalb nur so von zucker-, eiweiß-, mehl-, gluten- und kaugummifreien Cookies, wahrscheinlich gibt es sogar garantiert echt cookiefreie Cookies. Besonders in Verschiss geraten und ganz oben auf der Liste der am liebsten weggelassenen Zutaten ist momentan der High Fructose Corn Syrup. Soll tierisch fett machen und der Leber zusetzen wie Sau.

Nach dem Cookie-Kosmos suchte ich die Regalkilometer mit den Nahrungsmittelzusatzstoffen auf, an denen ich mich stets mit Freude ergehe. Man weiß ja gar nicht, welche Koenzyme einem alle fehlen können. Zum Glück sind die meisten US-Supermärkte sieben Tage 24 Stunden offen. Wird man um vier Uhr morgens von einem akuten Vitamin-B3-Mangel überrascht, ist blitzartige Abhilfe ein Kinderspiel. Und das ist doch ein sehr beruhigendes Gefühl.    (Christoph Winder, Album , DER STANDARD, 9./10.3.2013)

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