"Nägel mit Köpfen": Der Putzplan und andere Lebensprobleme

8. März 2013, 18:31
4 Postings

Marko Doringers Film "Nägel mit Köpfen" porträtiert Pärchen und ihre Existenzfragen

Wien - Wenn bei einem Film eine Redewendung als Titel herhalten muss, sollte mit Sinnbildern sparsam umgegangen werden. Andererseits können sie so großartig funktionieren wie in folgender Filmszene: Filmer Marko Doringer und Freundin Marlene fahren mit dem Auto über einen Feldweg. Eigentlich wollten sie eine Abkürzung ins nächste Dorf nehmen, doch der Regen hat den Boden derart aufgeweicht, dass die Räder durchdrehen. Es gibt kein Weiterkommen, auch der Beziehungskarren steckt fest. Und: Es gibt auch kein Zurück. Dass der Regisseur in dieser Situation zum Fernglas greift, um Zugvögel zu beobachten, während er die Problemlösung der Freundin überträgt, passt zum weltfremden Egoismus, den Doringer als Protagonist seines Films zur Schau stellt.

Nägel mit Köpfen ist die Selbstvergewisserung eines Mittdreißigers, der den Ernst des Lebens zu spüren bekommt, ohne zu wissen, was dieses für ihn bereithält. Geregeltes Einkommen, feste Beziehung mit Kindern? Mit diesen Fragen schließt Doringer an seinen Dokumentarfilm Mein halbes Leben an, in dem er als 30-jähriger Neo-Berliner die erste Krise erlebte und filmisch verarbeitete.

Nägel mit Köpfen ist also nicht nur Fortsetzung, sondern Teil einer autobiografischen Langzeitbeobachtung, ein im Kino in Form von Videoessays oder -tagebüchern gern gewähltes Subgenre. Weil Doringer das weiß und eine Abgrenzung von Vorbildern wie Jan Peters notwendig ist, setzt er abermals auf die Strategie des Abgleichs: Zwecks Selbstprüfung besucht er befreundete Paare. Es ist vor allem der Dynamik dieser anderen Beziehungen und der episodischen Struktur zu verdanken, dass sich das Interesse auf die scheinbaren Nebenschauplätze verlagert. Angesichts der Schwierigkeiten, mit denen Freunde kämpfen, muten Doringers Zweifel an Beziehung und Kinderwunsch wie Luxusprobleme an.

Dass die schwulen Freunde in Serbien mit Homophobie kämpfen und ein Paar für eine Adoptierung nach Äthiopien reist, während Doringer mit dem Putzplan hadert, taucht seine sympathische Kauzigkeit in ein weltfremdes Licht. Andererseits spielt Doringer gekonnt mit diesem traditionellen Bild des im Bett lungernden Bohemiens, das im Kino vor allem an die jungen Franzosen der 1960er erinnert. Erwachsenwerden war nämlich immer schon schwierig, doch manchmal kann es schon genügen, wenn man weiß, an welcher Seite man anschieben muss.   (Michael Pekler, DER STANDARD, 9./10.3.2013)

  • Marko Doringer und Problem des Feststeckens in "Nägel mit Köpfen".
    foto: polyfilm

    Marko Doringer und Problem des Feststeckens in "Nägel mit Köpfen".

Share if you care.