Bildungsaktivistin Kopp: "Bildungswege komplett vorgegeben"

8. März 2013, 15:58
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Wendy Kopp widmet sich der Abschaffung sozialer Ungleichheiten im Bildungssystem. Sie erklärt, wie man gleiche Chancen für alle Kinder schaffen kann

UniStandard: Sie haben in Princeton studiert. Haben Sie dort ein Umfeld gefunden, wo einzig die fachliche Eignung zählt und nicht der soziale Hintergrund?

Kopp: Bevor ich nach Princeton kam, hatte ich eine sehr gute öffentliche Schule in Dallas besucht und war dadurch gut auf das College vorbereitet. Meine Zimmerkollegin hingegen war an einer öffentlichen Schule in der Bronx gewesen, wo es eine der höchsten Armutsraten im ganzen Land gibt. Diese Frau war genial, aber sie war nicht auf die akademischen Herausforderungen von Princeton vorbereitet und hatte es wirklich schwer.

UniStandard: Sie haben das Bildungsprojekt "Teach for America" gegründet, das mittlerweile weltweit aktiv ist, um soziale Ungleichheiten im Bildungssystem auszugleichen. Was motivierte Sie dazu, sich für dieses Thema einzusetzen?

Kopp: Meine Generation wurde die Ich-Generation genannt. Damit war gemeint, dass wir, außer eine Menge Geld zu verdienen, keine anderen Interessen hätten. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich meine Generation, mich selbst und alle, die ich kannte, erneuern wollte. Wie viele andere beunruhigte auch mich die Bildungssituation in den USA, die sich rühmen, ein Land gleicher Chancen für alle zu sein, was sie aufgrund des Bildungssystems, aber nicht sind.

UniStandard: Was sind die größten Probleme im US-Bildungssystem?

Kopp: Das größte Problem ist, dass der Ort, an dem Kinder geboren werden, und ihr sozioökonomischer Hintergrund ihren Bildungsweg komplett vorgeben. In unserem Land lebt ein Fünftel der Kinder unter der Armutsgrenze, und nur acht Prozent von ihnen erreichen einen Collegeabschluss. Unter denen, deren Eltern dem obersten Einkommensviertel angehören, schaffen das 80 Prozent. Dieses Problem existiert überall, auch in Ländern wie Österreich, wo man es vielleicht nicht vermuten würde: Es ist ein weltweites Problem.

UniStandard: Welche weiteren Faktoren haben neben dem Einkommen der Eltern einen Einfluss auf den Bildungsweg?

Kopp: Die Herkunft ist ein großer Faktor. Kinder mit afro- oder lateinamerikanischem Hintergrund stehen vor größeren Herausforderungen und landen in Schulen, die weniger Ressourcen haben.

UniStandard: Nur drei Prozent der Kinder, die durch ihre Herkunft benachteiligt sind, gehen auf eine Top-Uni. Was ist die Ursache dafür?

Kopp: Die Ungleichheiten beginnen schon im Kindergarten, und nur die Hälfte dieser Kinder beendet die Highschool. Selbst wenn es ausgezeichnete Kinder aufs College schaffen, bieten diese oft keine zusätzliche Unterstützung an, damit sie das College meistern.

UniStandard: Wodurch können diese Kinder unterstützt werden?

Kopp: Zum Beispiel indem ihnen mehr Zeit gewidmet wird - in der Schule und auch am College. Familien, die über mehr Ressourcen verfügen, können ihren Kindern die zusätzliche Unterstützung bieten, die sie brauchen. Das umfasst Dinge wie Nachhilfe, aber gerade in Amerika auch einen besseren Zugang zum Gesundheitssystem.

UniStandard: Was wollen Sie mit Ihrem Engagement erreichen?

Kopp: Alle Kinder in unserem Land sollen die gleichen Möglichkeiten haben. Wir glauben, dass Bildung das ermöglichen kann. Wir wollen uns aber nicht nur den Schulen widmen, sondern auch den sozialen Ungleichheiten an sich.

UniStandard: Sie wurden 2008 vom "Time Magazine" unter die Top 100 der einflussreichsten Menschen gewählt. Was bedeutet das für Sie?

Kopp: Es war eine Bestätigung für den Einsatz, eine Welt schaffen zu wollen, die allen Kindern eine Chance auf gute Bildung bietet.

WENDY KOPP (46) ist Gründerin des Netzwerkes "Teach for America". Das Projekt, das sie während ihrer Studienzeit gegründet hat, setzt sich weltweit für Bildungsgerechtigkeit ein.

  • Bildungsaktivistin Wendy Kopp will eine Welt schaffen, die "allen Kindern eine Chance auf gute Bildung bietet". Bildungsungerechtigkeit sei ein weltweites Problem, kritisiert sie.
    foto: standard/cremer

    Bildungsaktivistin Wendy Kopp will eine Welt schaffen, die "allen Kindern eine Chance auf gute Bildung bietet". Bildungsungerechtigkeit sei ein weltweites Problem, kritisiert sie.

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