"Menschenrechte interdisziplinär verstehen"

Interview8. März 2013, 15:51
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Mit dem Professor für Menschenrechte Manfred Nowak sprach Sara Mansour Fallah über die Universität als Ort für die Vermittlung und Erforschung von Menschenrechten

UniStandard: Herr Professor, wie lehrt man Menschenrechte?

Nowak: Das hängt natürlich sehr von der Zielgruppe ab - Studierende, Manager, Lehrer, Polizei oder Militär. Das Wesentliche ist für mich, dass man die Leute da abholt, wo ihre spezifischen Interessen liegen. Bei Studierenden ist es gut, gruppendynamisch zu arbeiten - etwa sich zu erzählen, wo man Opfer beziehungsweise Täter einer Menschenrechtsverletzung war. So wird deutlich, dass sich Menschenrechte nicht nur zwischen Individuum und Staat abspielen, sondern auch in der Familie, der Schule oder der Uni. Menschenrechte sind Regeln des zwischenmenschlichen Zusammenlebens.

UniStandard: Können Menschenrechte als wissenschaftliche Disziplin angesehen werden?

Nowak: Menschenrechte sind zwar ein eigener Wissenschaftsbereich, der aber eben viele Disziplinen umfasst und nur in einer interdisziplinären Art und Weise voll verstanden werden kann. Deswegen haben wir die Forschungsplattform "Human Rights in the European Context" an der Universität Wien gegründet. Auch das Boltzmann-Institut für Menschenrechte ist ein multidisziplinäres Forschungsinstitut.

UniStandard: Was sind Forschungsmethoden der Menschenrechte als Wissenschaft?

Nowak: Die verschiedenen Disziplinen wenden eigene Methoden an. Ein gemeinsamer Zugang ist der "Human Rights-Based Approach", bei dem Phänomene durch die Menschenrechtsbrille betrachtet werden - etwa wie wir Menschen mit Behinderung sehen. Das eigentliche Problem dabei ist nicht die physische oder psychische Beeinträchtigung, sondern die damit verbundene Diskriminierung in unserer Gesellschaft. Der Menschenrechtsansatz versucht, die vielen physischen, sozialen und mentalen Barrieren abzubauen und durch eine Politik der Inklusion, Partizipation und Nicht-Diskriminierung zu ersetzen.

UniStandard: Stehen Bürger hinter Menschenrechten, die von Regierungen unterzeichnet werden?

Nowak: Das sechste Zusatzprotokoll der Europäischen Menschenrechtskonvention zur Abschaffung der Todesstrafe war eine Initiative des damaligen österreichischen Justizministers Christian Broda - und das zu einem Zeitpunkt, wo ich meine, dass die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung noch für die Todesstrafe war. Manchmal müssen Regierungen, die ja die Pflicht haben, Menschenrechte umzusetzen, dem Volk voraus sein. Sie müssen durch Bildungsmaßnahmen das Volk dazu bringen zu verstehen, warum die Todesstrafe oder die Folter eine Verletzung der Menschenrechte sind.

UniStandard: Braucht es eine Reform des UN-Menschenrechtsrats, wenn man bedenkt, dass in dem Rat nur Staaten sitzen?

Nowak: Der UN-Menschenrechtsrat hat schon einiges zustande gebracht, was in der Uno aber weniger funktioniert, ist die Idee, dass Individuen sich gegen Verletzungen der Menschenrechte an eine unabhängige gerichtliche Instanz wenden können. Da ist der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte vorbildlich. Dieses Modell wollen wir auf die internationale Ebene der Uno übertragen, indem wir die Schaffung eines Weltgerichtshofs für Menschenrechte fordern.

UniStandard: Wie kann ein Weltgerichtshof für Menschenrechte funktionieren, wenn man sich dabei nur auf die Kooperation zwischen Staaten verlassen kann?

Nowak: In der Regel werden Urteile internationaler Gerichte umgesetzt, weil sie rechtlich verbindlich sind und weil sich Staaten freiwillig verpflichtet haben. Ich bin überzeugt, dass die Zeit für einen Weltgerichtshof für Menschenrechte gekommen ist. Damit könnten auch internationale Organisationen und Konzerne für Verletzungen der Menschenrechte zur Verantwortung gezogen werden. Ob das Konzept umgesetzt wird, ist eine politische Entscheidung. Ich hoffe, dass es in naher Zukunft genug Druck geben wird, um einen Weltgerichtshof für Menschenrechte umzusetzen. (Sara Mansour Fallah, DER STANDARD, 7.3.3013)

MANFRED NOWAK (62) war von 2004 bis 2010 UN-Sonderberichterstatter über Folter. 2012 initiierte der Professor für Internationales Recht und Menschenrechte den Lehrgang "Human Rights" an der Universität Wien. Neben diesem leitet er auch das Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte.

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    "Menschenrechte spielen sich nicht nur zwischen Individuum und Staat ab, sondern auch in der Familie, der Schule oder auf der Uni", sagt der Uni-Professor für Internationales Recht und Menschenrechte Manfred Nowak.

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