Literatur aus studentischer Feder

8. März 2013, 15:46
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Oft ist die Universität der Ort, an dem sich Schreibende zusammenfinden und Literaturzeitschriften gründen. Sei es als Ergänzung zu den etablierten Formaten, sei es, um denen Platz zu bieten, die dort nicht unterkommen

Wien, Salzburg, Klagenfurt - "Anachronistisch wie ein Triëder": So bezeichnet die Wiener Literaturzeitschrift Triëdere ihr eigenes Projekt in Anlehnung an Robert Musils Ausführungen zum Fernglas, das "die gewohnten Zusammenhänge auflöst und die wirklichen entdeckt". Hört man Evelyne Polt-Heinzl zu, scheint der Wunsch nach solchem Anachronismus ungebrochen zu sein. Die Anzahl neu gegründeter Literaturzeitschriften blieb im Printmedium trotz der Möglichkeiten des Internets in den letzten 20 Jahren relativ stabil, sagt die Verantwortliche für die Zeitschriftensammlung des Literaturhauses Wien. Seit der Verbilligung des Buchdrucks sind Zeitschriften für Literaten ein Tor zur Bekanntheit.

Zur Zeit der Wiener Moderne, im Kreis um Karl Kraus oder Arthur Schnitzler, so die Expertin, wurden wie wild Zeitschriften gegründet, die oft nur so lange bestanden, bis die Autoren ihren Weg in etablierte Publikationen gefunden hatten, wenn sie nicht selbst zur etablierten Institution wurden. War es früher das Kaffeehaus, so ist vielleicht heute die Universität ein wichtiges Soziotop, in dem sich Interessierte zusammenfinden. Studierende investieren Zeit und Geld ins eigene Projekt, manchmal mit und manchmal ohne Hilfe seitens der Universität.

Aerosol: Die Wiener Zeitschrift begann 2007 als Blog. Aerosol hat eine idealistische Ausrichtung, sowohl gegen den "Mief der Provinz" als auch " den prätentiösen Scheißdreck, über den man in der Großstadt viel zu oft stolpert", wie es auf der Homepage heißt.

"Man soll sich nicht zu wichtig nehmen und nicht einem erhabenen Nimbus des Schriftstellers verfallen", sagt Ko-Herausgeberin Ana Ilic. Man will niederschwellig bleiben, ohne auf Textauswahl durch die Redaktion zu verzichten. Aerosol wird von Studierenden der Politikwissenschaft, Anglistik, Philosophie und Germanistik herausgegeben. Geld von der Studienrichtungsvertretung Germanistik gab es einmalig. "Wir wollen nicht frech sein," sagt Ilic, "es gibt ja nicht nur uns."

Keine Delikatessen: Der Uni entwachsen ist die von zwei ehemaligen Komparatistikstudentinnen herausgegebene Zeitschrift Keine Delikatessen. 2003 gegründet versteht sich die Wiener Zeitschrift als fixer Bestandteil der österreichischen Literaturszene. Das Augenmerk liegt nicht nur auf dem Text. Man arbeitet mit exklusivem Fotomaterial und will eine Einheit von Bild und Text herstellen. Es publizierten neben unbekannten Autoren auch bekannte, beispielsweise Milena Michiko Flasar oder Julya Rabinowich. Die Redaktion sucht aus, was ihr zusagt und den Ansprüchen genügt.

Mosaik: Anders in Salzburg: "Wir haben auch Texte gedruckt, die uns nicht gefallen, aber damit muss man leben", meint Josef Kirchner, einer der beiden Herausgeber von Mosaik.

Die ein Jahr alte Zeitschrift will eine Publikationsmöglichkeit für alle Interessierten bieten, es veröffentlichen fast ausschließlich Studierende. Es laufen mit der Stadt Salzburg Gespräche über Förderungen, momentan bekommt die Redaktion die Druckkosten für jede Ausgabe von der ÖH rückerstattet. Unangenehme Einmischung in die eigene Arbeit verortet Kirchner nicht: "Die einzige Auflage der ÖH war, dass wir Recyclingpapier verwenden."

Apostroph: Auch die Wiener Zeitschrift Apostroph versteht sich als Projekt von Studierenden für Studierende und finanziert sich durch Förderungen vonseiten verschiedener Studienrichtungsvertretungen. Eine neue, bereits fertiggestellte Ausgabe wartet momentan auf Druckfinanzierung. Das umfangreiche Redaktionsteam von Apostroph ist basisdemokratisch organisiert, "auch wenn das manchmal Entscheidungsprozesse verzögert oder die Zuständigkeiten unklar sind". In der redaktionellen Arbeit sowie in den literarischen Beiträgen sollen alle zu Wort kommen, man beschränkt sich auf eine "wohlwollende Auswahl aus Platzgründen", sagt die Redaktion.

Triëdere: "Wir sind schon sehr streng", meint Alexander Sprung, Ko-Herausgeber von Triëdere. "Wir haben lange Feedbackrunden mit den Autoren. Wir wollten das Projekt nicht unter eine politische Grundtendenz stellen. Es geht uns nicht primär darum, jemanden zu fördern, sondern für das jeweilige Thema ein gutes Kaleidoskop zu schaffen", sagt Matthias Schmidt, der Herausgeber. Auch prominente Namen wie Friederike Mayröcker oder Thomas Ballhausen finden sich im Inhaltsverzeichnis. Neben Literaten tragen Theoretiker und bildende Künstler zur Zeitschrift bei und arbeiten zu dem Zweck zusammen. Auch dem ästhetischen Moment des Magazins selbst wird viel Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt. In jeder Ausgabe stecken laut Schmidt vier bis sechs Wochen Nettoarbeitszeit. "Am Anfang haben wir uns idealistisch verausgabt und ein Minus gemacht. Ab diesem Jahr bekommen wir Förderungen von der Stadt Wien."

Anstalten: Auch bei der Klagenfurter Zeitschrift Anstalten, deren Debüt-Ausgabe am ersten März erschien, wird finanziell in das eigene Projekt investiert. "Im ersten Jahr möchten wir keine Geldgeber einbeziehen", sagt Paula Resch, Mitherausgeberin der Zeitschrift. Anstalten bietet Platz für alle literarischen Gattungen sowie für Kritik und Poetologie. Die Redaktion dreht das Prinzip der Literaturzeitschrift um und kontaktiert die Autoren selbst. (Jakob Kraner, DER STANDARD, 7.3.3013)

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