Genderstudies: Quer durch alle Geschlechter

8. März 2013, 15:42
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Die starren Kategorien von "männlich" und "weiblich" zu hinterfragen heißt, drängende sozialpolitische Fragen zu stellen. Doch die Genderstudies arbeiten unter schwierigen Bedingungen

Wien/Hamburg/Frankfurt - Was ist ein Geschlecht? Wie viele Geschlechter gibt es? Wen oder was wollen Geschlechter?

Von der Frauen-, Männer- und Intersexualitätsforschung bis hin zu den Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Queer Studies haben sich zu diesen Fragen eine Reihe an Forschungszweigen etabliert. Trotzdem sieht sich die Geschlechterforschung im deutschsprachigen Raum noch mit etlichen Hürden konfrontiert.

Die Institutionalisierung ist bisher gering. Es gebe "kaum eigene Lehrstühle", beklagt Heinz-Jürgen Voß, Leiter des Projekts "Sexualität und 'Gender' als Begriffskulturen in der Biologie" an der Europa-Universität Viadrina. Ähnlich setzt auch Kathrin Glösel, Sachbearbeiterin für queerfeministische Projekte der ÖH Wien, ihre Kritik an. Es fehle an dauerhaft finanzierten Einrichtungen, sowohl inner- als außeruniversitär. In Österreich forschen in diesem Gebiet " eher motivierte Arbeitskreise, Kollektive oder Zeitschriften". Bedenklich - wirft die Vielfalt der Geschlechtsbestimmungen und sexuellen Orientierungen doch drängende sozialpolitische und juristische Fragen auf.

Vereindeutigende Gewalt

In Humanbiologie und Medizin kursieren etliche Definitionsversuche und zum Teil Gewaltakte, um das eindeutige Geschlecht zu bestimmen (siehe Wissen). Viele Personen, die von Geburt an oder im Laufe ihrer Entwicklung nicht in allen Merkmalen einem Geschlecht zugeordnet werden können, leiden unter dem Problem, einfach zu einem Geschlecht gemacht zu werden.

Exemplarisch dafür ist die teils noch praktizierte Entfernung der Gonaden (Eierstöcke oder Hoden) und die daran anschließende Hormonersatztherapie. In der Wissenschaft wird das Verfahren von vielen als "overtreatment" bezeichnet, Betroffene sehen darin einen "Verstoß gegen das Kastrationsgesetz" und beklagen die "Nebenwirkungen der lebenslangen Hormontherapie", sagt Katinka Schweizer vom Institut für Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. " Vereindeutigende Gewalt" nennt das Voß. Die festen Vorstellungen über Weiblichkeit und Männlichkeit sowie die starren Identitäten Homosexualität, Heterosexualität und Bisexualität würden meist über einen biologisch-medizinischen Diskurs generiert, der eine Norm etabliere und darauf abziele, Abweichungen zu tilgen.

Welchen Sinn diese biopolitischen Vereinfachungen haben, bleibt äußerst fragwürdig. Die Kulturwissenschaften weisen beispielsweise schon lange auf sogenannte "dritte Geschlechter" hin, wie die indischen Hijras, die Two-Spirits Nordamerikas oder gar die faszinierende Ordnung zehnerlei Geschlechter in Amarete, einer Kleinstadt Boliviens; auch in der Archäologie werden die europäisch-neuzeitlichen Geschlechtskonzepte kritisch hinterfragt. Der kürzlich in Wien zum Professor für Urgeschichte des Menschen ernannte Timothy Talyor etwa - der häufig auch in seiner weiblichen Alternatividentität Krysztina Tautendorfer auftritt - legt in seinen Studien zur "Prehistory of Sex" unzählige Beispiele dafür dar, wie Geschlechts- und Begehrensvorstellungen die Menschheit von ihren Anfängen an begleiten.

Gemäß einer Studie der University of California von 2011 begreifen sich allein in den USA 7,3 Prozent der Bevölkerung - fast neun Millionen Menschen - als homo-, bisexuell oder transgender. In Deutschland leben laut Ärzteblatt bis zu 120.000 Menschen, deren biologische Geschlechtsmerkmale nicht ein und demselben Geschlecht zugeordnet werden können, weswegen der Ethikrat nun empfahl, neben der Bezeichnung " männlich" oder "weiblich" den Eintrag "anderes" zu ermöglichen.

Wie den Persönlichkeitsrechten hinsichtlich dieser Vielfalt von Geschlechtern begegnet werden kann, ist daher eine drängende Frage, die weiterer Debatten und Forschung bedarf. (Christian Groß, DER STANDARD, 7.3.3013)

Wissen

Biologisch wird von mindestens drei Geschlechtsmerkmalen ausgegangen: dem genetischen Geschlecht, das die chromosomale Ausstattung des Individuums bestimmt, dem gonadalen Geschlecht, das die Entwicklung der Keimdrüsen (Eierstöcke, Hoden) und die Produktion der Sexualhormone bestimmt, und dem genitalen Geschlecht, das äußere Merkmale (Klitoris, Penis etc.) bezeichnet. Die Geschlechtsmerkmale müssen nicht übereinstimmen. So gibt es genetische Männer, die in ihrem äußeren Erscheinungsbild Frauen gleichen, sowie etliche weitere Varianten. Hinzu kommen psychosoziale Geschlechtsbestimmungen. Dazu gehören die sozialen Geschlechtsrollen, die in Gesellschaftsordnungen eingenommen werden können; die Geschlechtsidentitäten, mit denen sich Personen identifizieren, und die jeweiligen sexuellen Orientierungen, sprich: Richtungen des Begehrens.

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