Von starrenden Augen und streifenden Händen

8. März 2013, 15:36
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Gewalt an Frauen zählt in Indien zum Alltag. Die Gruppen-Vergewaltigung in Delhi hat das Bewusstsein im Land geschärft. Studierende brechen mit ihren Kunstprojekten das Schweigen

Missbraucht, abgetrieben, verlassen, vergewaltigt: Unter einem Baum sitzen lebensgroße Pappmaché-Figuren, die diese Schlagwörter auf ihrer Stirn tragen und mit aktuellen Zeitungsartikeln beklebt sind. Kaum eine Seite indischer Tageszeitungen kommt ohne Meldungen zu Übergriffen an Frauen aus. Und das nicht erst seit der Gruppenvergewaltigung in Delhi letzten Dezember.

Was die Gesellschaft insgesamt beschäftigt, damit setzen sich auch indische Studierende und Künstler vermehrt in ihren Arbeiten auseinander. "Die Medien haben den Vorfall in Delhi besonders hervorgestrichen - für indische Frauen ist sexuelle Belästigung aber trauriger Alltag", sagt Rajesh H. Buhecha. Er hat sein Kunstwerk Shelter Tree am Mumbai Arts Festival präsentiert.

Der Baum steht für ein Zuhause und sollte somit ein geschützter Ort sein. Er ist jedoch krank - was durch die starrenden Augen anstelle der Blätter dargestellt wird. Der Betrachter ist dazu angehalten, die starrenden Augen gegen grüne Blätter auszutauschen. "Ich verpflichte mich, Verantwortung für die Veränderung zu übernehmen", liest man auf der Rückseite der infizierten Blätter. "Der Baum soll die Menschen darauf aufmerksam machen, dass sie Verantwortung tragen und nicht wegsehen dürfen", sagt Buhecha.

Zwar ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau gesetzlich verankert, dennoch sind Frauen massiv unterprivilegiert. Das beginnt schon mit der Geburt: Im Gegensatz zu Buben ist es oft unerwünscht, wenn ein Mädchen zur Welt kommt.

Dass nicht nur Benachteiligung, sondern auch Gewalt an Frauen Alltag ist, merkt man allein schon daran, dass es einen eigenen Begriff dafür gibt. "Eve Teasing" - also Eva necken - fasst jegliche Form von Gewalt an Frauen - verbal, psychisch und physisch - zusammen. Als erster wichtiger Schritt wird von vielen verlangt, dass in Bildungseinrichtungen aktive Aufklärungsarbeit in Sachen Frauenrechte geleistet wird. Die indische Hochschulaufsicht forderte im Jänner mehr Sicherheit für Frauen an den Unis. Eine Arbeitsgruppe soll in Zukunft die Gender-Sensibilisierung und Sicherheit von Frauen an Hochschulen nachprüfen. Mittlerweile nehmen sich also auch offizielle Stellen der Problematik von Gewalt an Frauen an.

Beschämt, ein Mann zu sein

"Das Wichtigste ist für uns, dass Bewusstsein für diese Problematik geschaffen wird. Das Schweigen muss gebrochen werden", appelliert Maya von der NGO Akshara, die durch unterschiedliche Aktionen Frauen hilft, sich gegen Gewalt zu wehren.

Am Mumbai Arts Festival ist Buhecha nicht der Einzige, der das Thema Frauenrechte für sein Kunstwerk gewählt hat. Ein paar Meter weiter hat sich eine lange Warteschlange vor der ebenfalls interaktiven Kunstinstallation When Nobody Is Looking der Studentin Payal Arya aus Pune gebildet.

Einzeln wird einem Einlass in den lichtundurchlässigen Gang gewährt, in dem mehrere aus Gummi geformte Hände befestigt sind. "Man kommt nicht vorbei, ohne von ihnen berührt zu werden", erklärt Arya, die für die Realisierung des Projekts von der NGO Akshara unterstützt wurde. " Indische Frauen sind Tag für Tag - egal ob im Bus, Zug oder im Einkaufszentrum - von dem Gefühl begleitet, sich nicht gegen die vielen Hände wehren zu können", sagt die Künstlerin. Im Gästebuch des Kunstwerks stimmen Frauen dem Gefühl des Ausgeliefertseins zu. Auch Eindrücke von Männern finden sich dort. Viele zeigen sich tatsächlich bestürzt - "Ich fühle mich beschämt, ein Mann zu sein", schreibt einer der Besucher. (Rebekka Dober aus Mumbai, DER STANDARD, 7.3.2013)

  • Das Kunstwerk "Shelter Tree" soll Menschen daran erinnern, dass sie die tägliche Gewalt an Frauen in Indien nicht ignorieren dürfen.
    foto: standard/dober

    Das Kunstwerk "Shelter Tree" soll Menschen daran erinnern, dass sie die tägliche Gewalt an Frauen in Indien nicht ignorieren dürfen.

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