Die Geschichte der Migranten sichtbar machen

11. März 2013, 09:30
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Derzeit wird intensiv an der Errichtung eines Archives der Migration gearbeitet. Ob das Projekt verwirklicht wird, hängt nun vom politischen Willen ab

Als im Jahr 2011 das 50-jährige Jubiläum der österreichischen Anwerbeabkommen weder zelebriert noch öffentlich thematisiert wurde, war das für Ljubomir Bratić schwer hinzunehmen. Gemeinsam mit seinem Freund Arif Akkiliç von der Initiative Minderheiten, mit dem er schon bei der "Gastarbajteri“-Ausstellung im Jahr 2004 zusammenarbeitete, organisierte er bei der Wienwoche 2012" die Kampagne "Für ein Archiv der Migration, jetzt!"

Das positive mediale Echo, ermutigte den "Arbeitskreis Archiv der Migration“, der sich parallel zur Kampagne konstituierte, seine Bemühungen zu intensivieren. Letztlich wird jedoch der politische Wille darüber entscheiden, ob das Projekt "Archiv der Migration“  Erfolg haben wird oder nicht.

Warum ein Archiv der Migration wichtig ist

Der Philosoph, Aktivist und Mit-Initiator des "Arbeitskreises Archiv der Migration“ Ljubomir Bratić beklagt: "Wir leben in einer Einwanderungsgesellschaft, etwas das mittlerweile sogar die FPÖ anerkennt, dennoch wird dieser Tatsache in der offiziellen österreichischen Geschichtsschreibung kein Platz eingeräumt.“  Die Geschichte der Migration und der MigrantInnen sei noch immer nicht ein Teil des kollektiven Gedächtnisses, obwohl sie ein Teil der österreichischen Geschichte ist. "Um die Geschichte Österreichs als Migrationsgesellschaft sichtbar machen zu können, muss relevantes Material langfristig gesammelt und konserviert werden“ so Bratić.  

"Keine verstaubte Stelle irgendwo in einem Gebäude“

Wie schlussendlich ein Archiv der Migration aussehen werde, "hängt von sehr vielen Faktoren ab, nicht zuletzt von den finanziellen Möglichkeiten“ berichtet Bratić. "Wir wollen auf keinen Fall, dass das Archiv eine verstaubte Stelle irgendwo in einem Gebäude wird.“ Ziel sei es neben einem Ort der Sammlung, Konservierung und Forschung auch einen Ort des Austausches und des öffentlichen Diskurses zu kreieren, "einen lebendigen Ort“, wie es Bratić bezeichnet.

Breite öffentliche Debatte notwendig

Um das Projekt  tatsächlich realisieren zu können bedarf es neben umfangreichen historischen Recherchen auch einer breit geführten Debatte, "und das nicht nur hinter verschlossenen Türen unter ExpertInnen, sondern in der Öffentlichkeit“ erzählt Bratić.  Schließlich gehe es darum eine Veränderung der allgemeinen Wahrnehmung herbeizuführen. Migration und MigrantInnen müssen endlich "ein selbstverständlicher, sicht- und hörbarer Teil der österreichischen Gegenwart und Geschichte werden“

Verabsäumte Chance

Schon im Jahr 2004, im Rahmen der "Gastarbajteri"-Ausstellung, haben zahlreiche AktivistInnen und WissenschaftlerInnen eine Dokumentationsstelle der Migration gefordert. Auch Ideen ein solches Archiv zu errichten, waren vorhanden und das Material, welches für die Ausstellung gesammelt wurde, hätte für ein Archiv verwendet werden können. Ljubomir Bratić sieht es als verabsäumte Chance, dass nicht schon damals der Forderung nach einem Archiv der Migration nachgekommen wurde. „Einzig und allein an dem mangelnden politischen Willen lag es, dass diese Chance nicht genutzt wurde.“

Positive Signale seitens der Politik

Der Arbeitskreis hat bis jetzt die Phase der Konstitution der Gruppe absolviert, wie auch ihre Ideen in die Öffentlichkeit getragen, jetzt gehe es darum, Verhandlungen mit den politischen EntscheidungsträgerInnen in die Wege zu leiten. "Wir sind gerade dabei einen Termin mit der Integrationsstadträtin, Frau Frauenberger, auszuverhandeln.“ Sie habe sich schon positiv über das Projekt geäußert und unterstütze grundsätzlich die Idee. Bratić ist sich aber dessen bewusst, dass es einen Unterschied gibt "zwischen der Unterstützung einer Idee und der Unterstützung der Realisierung einer Idee. Die österreichische Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt, die Gesellschaft funktioniert als Einwanderungsgesellschaft, lediglich die Politik hat bis dato dieser Realität nicht entsprochen“, sagt Bratić. 

Simultan zu den Verhandlungen mit den EntscheidungsträgerInnen arbeitet der Arbeitskreis gerade an der Gestaltung der eigenen Webpräsenz. Neben ihrem Facebook-Profil wird in den nächsten Wochen ihre Homepage gestartet, die alle wichtigen Informationen enthalten wird.

Zudem sind zahlreiche Diskussionsrunden in den nächsten Wochen und Monaten geplant, wie etwa am Montag, den 11.03, in der Hauptbücherei am Gürtel mit dem Titel "Warum hinkt die Politik der Realität so weit hinterher?"

  • Wann das Archiv der Migration Realität wird, kann Bratić nicht beantworten, das hänge vom politischen Willen ab, aber er hoffe, dass es in Bälde passiert, denn "die erste Generation der ArbeitsmigratInnen stirbt aus, es wäre schade, wenn wir ihre Geschichten nicht mehr festhalten würden."
    foto: siniša puktalović

    Wann das Archiv der Migration Realität wird, kann Bratić nicht beantworten, das hänge vom politischen Willen ab, aber er hoffe, dass es in Bälde passiert, denn "die erste Generation der ArbeitsmigratInnen stirbt aus, es wäre schade, wenn wir ihre Geschichten nicht mehr festhalten würden."

  • Der alte üdbahnhof in Wien als wichtiger Erinnerungsort der österreichischen Migrationsgeschichte.

    Der alte üdbahnhof in Wien als wichtiger Erinnerungsort der österreichischen Migrationsgeschichte.

  • Die ersten Gastarbeiter aus kommen Mitte der 1960er Jahre in Wien an.

    Die ersten Gastarbeiter aus kommen Mitte der 1960er Jahre in Wien an.

  • Auch ein Teil der Arbeitsmigration: Zeitungskolporteure lebten und arbeiteten (arbeiten) unter besonders prekären Umständen.

    Auch ein Teil der Arbeitsmigration: Zeitungskolporteure lebten und arbeiteten (arbeiten) unter besonders prekären Umständen.

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