Nur ein Samstag

Blog8. März 2013, 12:37
38 Postings

Die Erleichterung kommt schnell, weil im Wartebereich der chirurgischen Abteilung sonst niemand wartet. Wir sind im Pavillon 16 in Lainz, es ist Samstag

Morgens ist alles wie immer, wenn wir in Abwesenheit der Eltern meiner Freundin in deren riesiger Wohnung in Hietzing wohnen. Nun sind wir schon fast drei Monate hier, haben dieselben Routinen wie in Meidling und eine davon ist das Samstagsfrühstück, dessen Höhepunkt als Ei im Glas, weich mit Schnittlauch kommt

Das Zipperlein

Doch schon vor dem Einkaufsgang wird meine Freundin von unangenehmen Symptomen befallen. Eine Wikipedia-Schnelldiagnose ergibt Panik, wir ziehen unseren Sohn warm an, dann sind Vater, Mutter, Kind auf dem Weg in das nahe Lainzer Spital.

Bald folgen wir zur Freude unseres Sohnes den schmalspurigen Schienen der einstigen Versorgungsbahn. Er ist von den Weichen begeistert und will im Sekundentakt wissen, wann ein Zug kommen wird. "Im Frühling" – sage ich und starre in den sonnigen Himmel. Er ist endlich tiefblau und die wenigen Wolken sind endlich schneeweiße Wattebäusche. "Frühling ist bald" – sage ich, weil unser Sohn jetzt wissen will, wann Frühling ist.

Im Pavillon 16 ist das Zipperlein als Zipperlein erkannt, der Arzt lächelt freundlich, die Schwester lächelt beruhigend, die junge Ärztin sagt ungefragt, es werde nur noch zehn Minuten dauern. Und lächelt nett. Dann geht sie zu der alten Frau, die am Gang liegt, weil sie gerade von einer kleinen OP aufwacht.

Die alte Bim

Die junge Ärztin kontrolliert den Stand der zwei Tröpfe, deren Schläuche in die alte Frau führen, sie  streicht ihr über die Hand und redet leise mit ihr. Unser Sohn will zur ausrangierten Straßenbahn, die vor dem Eingang zum Pavillion steht. Er sagt: "Bim-Bim schauen!"

Zusammen mit dem Wartehäuschen, auf einem kurzen Strang Schienen hat man hier einen alten "Kurbler" der Linie 62 aufgestellt. Unser Sohn will die Straßenbahn mit allen Sinnen erfassen, läuft zu den zugeschweißten Türen, rüttelt, dann zur Kupplung, dann zum Scheinwerfer. Ich gehe langsam nach, fasse auch das eine oder andere an. Drinnen ist auch der Kobel des Schaffners. Als Kind muss ich die Schillinge und Groschen hochhalten, damit er sie nimmt und mir einen Fahrschein gibt.

"Die Mama hängt am Tropf!" - antworte ich, unser Sohn sagt – "Die Mama hängt am Baum!" Ich sage – "Zum Glück nicht!" Wir gehen wieder in den Pavillon, vor dem ein Taxi hält, aus dem mit Hilfe des Fahrers eine alte Frau aussteigt.

Mamas Tropf

Es würde noch zehn, zwanzig Minuten dauern, bis die Lösung in meine Freundin hineintropft. So sagt mir die Schwester. Die alte Frau aus dem Taxi kommt, der Fahrer trägt ihre Tasche, sie wird wohl hier bleiben. Der Taxifahrer ist mit der alten Frau genauso geduldig und genauso nett wie die Schwester. Als ob er zum Team gehört, bleibt er mit der Tasche bei der Frau und plaudert mit ihr, bis sie von einem Pfleger in den Radsessel gesetzt wird.

Unser Sohn will wieder zur Straßenbahn. Auf den Treppen zum Ausgang liegt ein kleiner Plastiksack mit Verschlussnaht und einem grünen, aufgedrucktem Ganja-Blatt. "Doschau! Gott gibt es doch!" - sage ich, weil ich noch erklecklich viele Krümel im Inneren sehe. "Warum nicht!"- das denke ich nur, bücke mich, stecke das Säckchen ein und sage: "Komm, du Wicht! Schnell zur Bim-Bim!"

Die dritte alte Frau

Sie wird von Sanitätern einer Rettungsorganisation auf einem Rollstuhl zur netten Krankenschwester gebracht. Sie sitzt aufrecht, weil sie Schmerzen im Bauch hat. Ihr Pyjamamantel ist sauber und nicht billig, die Hausschuhe sind aus Leder, dazwischen liegt ihr Urinsack. Sie lächelt, als unser Sohn an ihr vorbeiläuft.

Die Infusion meiner Freundin wird, so erfahren wir von der jungen Ärztin, doch noch eine Stunde dauern. Dann geht sie zu der alten Frau, die aus der Narkose aufwacht, streicht über ihre Hand, sagt leise etwas. Die dritte alte Frau ist inzwischen im Untersuchungszimmer. Bald kann man sie schreien hören. Sie schreit: "Auweh! Auweh!" So wie Kinder schreien, so wie unser Sohn das sagt, wenn er Bauchweh hat. Ich nehme unser Kind beim Arm und gehe so schnell wie er laufen kann zur Straßenbahn.

Als wir später wieder im Warteraum sind um die letzten Tropfen der Infusion meiner Freundin zu beobachten, liegt die dritte alte Frau neben der aufwachenden alten Frau. Auch sie hat jetzt einen Tropf, der ihr Flüssigkeit zuführt. Am Bettgestell hängt der Urinsack . Sie lächelt wieder als wir vorbeigehen. Zu unserem Sohn sage ich: "Sag: Baba!" Er sagt "Papa!" Die dritte alte Frau lächelt, ich sage: "Alles Gute". Sie sagt: "Danke!"

Lainz, Wolkersbergenstraße, Endstation!

Meine Freundin hält ihre Hand vor das Gesicht weil dieser Samstag der erste so knallig sonnige Tag nach einer langen Reihe lichtloser Wiener Wintertage ist. Wir beschließen aus unserer Heimkehr einen Spaziergang zu machen. Ich zeige meiner Freundin die krümelige Fundsache. Sie sagt: "Doschau! Jesus liebt uns doch!" Das sind die Augenblicke, die uns daran erinnern, wie lange wir schon zusammen leben und dieselbe Sprache sprechen. Bei der Wolkersbergenstraße schreiten wir durch das Tor und lassen das Lainzer Spital hinter uns. Unser Sohn hat Hungers: "Will Toast haben!"

Am Abend kommt unser Freund Felix "Der Liguster". Weil er nicht weit von uns wohnt, kochen wir  oft gemeinsam das Abendessen. Heute machen wir Hühnerflügel, geschmort in einer Teriyakimarinade und Reiswein. Dazu gibt es gekochten Reis und einen Mischsalat mit Balsamicovinaigrette. Den Chili für die Marinade hat Felix selbst in einem Tank gezüchtet. Deswegen ist er unmenschlich scharf. Felix dosiert im Milligramm-Bereich. Beim Kochen trinken wir Bier, beim Essen Zweigelt. Danach geht meine Freundin mit unserem Sohn schlafen. Felix und ich besaufen uns auf langer Strecke bis weit nach Mitternacht.

Irgendwann ist Felix nicht mehr da, ich rutsche auf der Couch in den traumlosen Schlaf der Betrunkenen. Ein Samstag am Ende des Winters ist vorbei. (Bogumil Balkansky, 8.3.2013. daStandard.at)

  • Eine Wikipedia-Schnelldiagnose ergibt Panik!
    foto: robert newald

    Eine Wikipedia-Schnelldiagnose ergibt Panik!

Share if you care.