Wie hätte es gewesen sein können?

8. März 2013, 18:40
49 Postings

Eine Krippe, ein Pferd, ein Hinweisschild: Drei Fotos liegen auf meinem Tisch, ich schiebe sie hin und her, ich frage mich: Welche Geschichten verstecken sich hinter der Anordnung von Dingen?


Das Lamm und die Schildkröte auf dem Ast

In Polen bekreuzigte sich eine Frau vor jeder Kirche, an der unsere Straßenbahn vorüberfuhr. Kosciól Najswietszej Marii Panny na Piasku, die Kirche St. Maria auf dem Sande, war einer meiner liebsten Orte in Wroclaw. Kleine bewegliche Krippe für kleine Kinder Bitte besichtigen stand auf einem Schild im Eingangsbereich, es war eine Untertreibung. Die kleine bewegliche Krippe bestand aus hunderten Spielzeugfiguren, die der Pfarrer seit Ende der 1960er-Jahre gesammelt hatte. Puppen, Plüschtiere, Plastikenten und Papstfiguren bewegten sich zu Kirchenmusik, die an Schlager erinnerte und oft der Schwarzen Madonna gewidmet war.

Über all das wachte der Pfarrer, manchmal mit einem Werkzeug in der Hand. Spendete man ein paar Zloty, überreichte er ein kleines Heiligenbild, spendete man mehr, deutete er den Besucherinnen und Besuchern, sich zu setzen. Hatten alle auf der Kirchenbank Platz genommen, zeigte der Pfarrer zu einem kleinen Haus, das auf einem Podest in der linken Ecke der Kapelle stand. Die Tür öffnete sich, und heraus kam ein aus Holz geschnitzter Papst, der den Segen erteilte. Es war Johannes Paul II., Benedikt XVI. war gerade erst einige Monate im Amt.

Auf einem Foto, dem einzigen, das ich von der Krippe besitze und das nur ein kleiner Ausschnitt ist, sind von links nach rechts, von oben nach unten zu sehen: drei Vögel auf einem Baum, eine Ente mit Hut und eine mit gepunktetem Kopftuch, beide den Schnabel offen, eine Katze, die Gitarre spielt, ein Kardinal mit erhobenen Armen, ein bärtiger Mann beim Brotschneiden, eine Frau mit Axt vor einem Holzstoß, eine Frau am Spinnrad, Rotkäppchen, ein Fuchs aus Holz, ein Ast, darauf: ein Eichhörnchen, ein Lamm, ein Hase und eine Schildkröte. Das Lamm und der Hase blicken sich an, den Tieren hinter sich drehen sie den Rücken zu. Alles hat hier seinen Platz, dachte ich, wenn der Pfarrer mit der Bohrmaschine hantierte, immer eine Nonne zur Seite, die ihm half. Die Lichter blinkten, Puppen mit kurzen Kleidern standen neben Geistlichen, und die Augen von Papa Schlumpf leuchteten rot, im Frühling allerdings nur eines, das andere war kaputt.

Das Ende des Albums, ein Pferd im Bach

Vom Flohmarkt in Linz nahm ich ein Album mit, aus blauem Leinen mit weißen Sprenkeln darin. Es beginnt mit einem Familienfoto, das lose zwischen dem Deckel und der ersten Seite eingelegt ist. Ein Garten, eine Hecke, links und rechts ein Baum, dazwischen eine Familie, vier Kinder und die Eltern. Der Vater deutet ein Lächeln an, der Rest der Familie lacht. Vielleicht sind die Personen auf dem Foto nicht miteinander verwandt, aber sie sind wie eine Familie angeordnet, im Sonntagsgewand und schön frisiert. Vielleicht brachte der Fotograf die Familie zum Lachen, vielleicht ein Nachbar, der daneben stand. Die Geschichte, die das Album erzählt, setzt auf Seite drei ein, junge Männer in Wehrmachtsuniformen, zu einem Foto gruppiert. Auf Seite vier sind die ersten Panzer zu sehen, ebenso eine Kolonne von Pferden mit Soldaten darauf. Es geht gegen Polen steht auf der Rückseite mit Bleistift, es ist eines der wenigen beschrifteten Bilder, auf den meisten sind nur Zahlen zu lesen. Die Fotos sind nicht chronologisch, sondern nach Themen geordnet, auf je einer Seite: Alltagsszenen, Wehrmachtssolda-ten auf Pferden, beim Durchqueren von Flüssen, bei der Positionierung von Kanonen, Szenen nach Einschlag einer Fliegerbombe. Auf je einer Seite: Leichen (Erste Tote steht unter dem Foto eines Mannes mit halbem Kopf), Gräber (Das erste Soldatengrab). Dann wieder: Soldaten auf einer Wiese (Am Wiesenrain), schlafend (Bei Mittagsrast), am Lagerfeuer ruhend. Danach: Brücken, eingestürzte Häuser, Autos, tote Pferde, eine Kolonne Männer (Polnische Gefangene) und noch eine Kolonne (Juden begegnen uns).

Zum Schluss: Sommerszenen in einem Dorf. Auf dem vorletzten Foto (15) geht ein Mann in Badehose über eine Wiese, auf dem letzten (13) glitzert ein Bach im Sonnenlicht, ein Holzbrett führt darüber, dahinter wird ein Pferd mit einem Kübel Wasser übergossen, von wem ist nicht zu sehen.

Entsorgung bei der Leichenhalle

Es wird noch eine Weile dauern, bis sie wieder tragen, dachte ich im Februar, die Birnbäume waren kahl. In St. Florian gingen wir über den Friedhof. Friedhofsbirnenbrand heißt der Schnaps, der von den Früchten der Bäume hinter der Mauer kommt, er ist stark und schmeckt wunderbar. Wir sahen durch das Gitter zum Fluss, jemand sagte, schau, aber sie meinte nicht den Inn. An der Mauer lehnte zwischen einem roten Rechen und einem Grablicht eine Tafel. Hier ist kein Kompost Haufen Entsorgung bei Leichenhalle stand darauf. Blaue Buchstaben, sie wurden nach unten hin kleiner, bei dem Wort Leichenhalle war der Platz schon recht knapp. Siehst du, sagte sie, das dürfte er mit einem Pinsel geschrieben haben.

Wir griffen zu unseren Telefonen und fotografierten, jede ein wenig anders, sollten wir später feststellen. Dann gingen wir vorsichtig zurück zum Auto, es lag Schnee, der Weg war nicht geräumt. Ich hielt nach dem Komposthaufen neben der Aufbahrungshalle Ausschau, aber ich sah ihn nicht. Vielleicht im Sommer, dachte ich, und an die Weihwasserschalen auf den Gräbern in Tirol, die es hier nicht gibt. Das Foto von der Tafel ist das letzte auf meinem Mobiltelefon. Ich ziehe meine Finger auf dem Bildschirm auseinander, bis die Pinselstriche bei den Buchstaben sichtbar werden, ich ziehe meine Finger zusammen, das Bild schrumpft auf seine ursprüngliche Größe, zu sehen sind: ein roter Rechen mit Holzstiel, der hinter dem Schild an der Mauer lehnt, das Schild, ein Mauervorsprung, auf dem ein ausgebranntes Grablicht steht, darüber ein brauner Fleck.

Wie es gewesen sein könnte

Ich schaue auf das Album, das Foto und das Mobiltelefon auf meinem Tisch. Nach einer Minute verblasst das Bild auf dem Telefon, kurz darauf wird der Bildschirm schwarz. Wie es gewesen sein könnte:

Ein Eichhörnchen saß auf dem Ast, der Pfarrer zog ein Lamm aus der Tasche, das er zuvor aus der Krippe genommen hatte, weil es umgefallen war. Er sah den Ast, der noch recht leer war, er dachte: dass ich darauf nicht früher gekommen bin, und setzte das Lamm neben das Eichhörnchen. Er befestigte es mit Superkleber, er murmelte: Ich baue einen Motor ein, ich möchte sie schaukeln lassen. Als die Nonne aus dem Nebenraum kam, sagte er: Ich brauche noch eine Schildkröte und einen Hasen.

An seinem Küchentisch saß fünfzig Jahre früher einer, der in Polen gekämpft hatte und nicht davon sprach. Er wollte Fotos einkleben, zuerst dachte er: der Reihe nach, wie die Dinge passiert sind. Dann zögerte er. Er beschloss, den Ereignissen eine Ordnung zu geben, er begann zu sortieren, er stapelte die Bilder. Zuletzt hielt er das Foto von einem Pferd in der Hand, Nummer 13, er legte es einzeln neben die anderen. Er bemühte sich, die Fotoecken gerade anzubringen, manchmal blieb eine dort kleben, wo er sie nicht haben wollte. Zuletzt befestigte er ein Foto, hinter allen anderen, ein Pferd im Bach, das mit einem Kübel Wasser übergossen wird. Er dachte: So ist es gut. Er schlug das Album zu, er räumte es weg. Er mochte keine Pferde.

In St. Florian am Inn ging sechzig Jahre später einer über den Friedhof und war schnell hinten beim Gitter angelangt. Er schwitzte, es war ein heißer Spätsommertag, er wollte den Rechen zurück an den Platz bringen, wo er immer stand. Er sah die verwelkten Blumen, die in der Ecke lagen. Schon wieder, murmelte er, fluchte, bückte sich und trug die Blumen zum Kompost. Seine Hände wischte er an der Arbeitshose ab, die Stängel waren faulig gewesen. Er beschloss, eine Hinweistafel zu schreiben. Leichenhalle, sagte ein anderer, der ein paar Woche später zu Allerheiligen das Schild bemerkte und lachte: Für das Wort Aufbahrungshalle hat dir wohl der Platz gefehlt? Der eine schüttelte den Kopf, er schwieg eine Weile. An die Mauer neben dem Schild lehnte er den Rechen, der verrutsche ein Stück, fiel aber nicht um. Er ging einen Schritt zurück, rieb an einem Fleck auf seiner Hose, blickte auf den Rechen, das Schild und die leere Fläche davor, dann antwortete er: Schau dich um. Hilft es, oder hilft es nicht?   (Anna Weidenholzer, Album, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

Anna Weidenholzer, geboren 1984 in Linz, ist österreichische Schriftstellerin. Weidenholzer studierte Vergleichende Literaturwissenschaften in Wien und Wroclaw und lebt heute in Wien. 2010 erschien ihr erster Roman "Der Platz des Hundes". 2011/2012 erhielt sie das Staatsstipendium für Literatur. Ihr zweites Buch "Der Winter tut den Fischen gut" (Residenz-Verlag) erschien 2012 und ist für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse 2013 nominiert.

  • Mit "Der Winter tut den Fischen gut" ist Anna Weidenholzer für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.
    foto: lukas beck - residenzverlag

    Mit "Der Winter tut den Fischen gut" ist Anna Weidenholzer für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Share if you care.