Heilsteine: "Nicht mehr als ein Glücksbringer"

8. März 2013, 13:08
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Nachweise für ihre Heilkraft fehlen, dennoch boomt der Glaube an die Edelsteintherapie

Sie werden in kuschelige Kategorien wie "Handschmeichler" oder "Donuts" eingeteilt und tragen teils aufregende Namen wie "Tigerauge" oder "Meteorit". Am Körper aufgelegt sollen sie gegen Krankheiten wirken und die emotionale Befindlichkeit verbessern. Esoteriker erklären die Wirkung so genannter Heilsteinen mit energiereichen Schwingungen, die in den Steinen konzentriert seien. Wissenschaftliche Nachweise gibt es dafür keine.

In der langen Zeit ihrer Entstehung haben die Steine angeblich ihre spezielle Kraft entwickelt. In der einschlägigen Literatur ist von einer Energie die Rede, die durch ihre Schwingungen "Störfelder im kranken Körper ausgleichen" könne. Damit ist nicht immer der menschliche Körper gemeint. Auch das Wachstum von Pflanzen und die Qualität von Wasser könne mit Edelsteinen verbessert werden. Sogar Batterien sollen mit der Energie von Steinen eine längere Lebensdauer erreichen.

Wirkung durch Placebo

"Die Heilsteintherapie wirkt durch den Glauben", sagt Heinz Oberhummer, emeritierter Professor für Physik an der TU Wien, Mitglied der "Skeptiker" – der Gesellschaft für kritisches Denken - sowie Teil der  Wissenschafts-Kabarettgruppe "Science Busters". Die einzige mögliche heilende Wirkung von Edelsteinen entstehe durch die Erwartungshaltung des Anwenders. "Es gibt keinerlei wissenschaftliche Beweise für eine Heilwirkung von Edelsteinen, ein als Heilstein bezeichneter Stein ist eigentlich nicht mehr als ein Glücksbringer."

Seit den 1980er Jahren erlebt das Geschäft mit der Esoterik einen Boom. Unter anderem wurde die "Edelsteinmedizin" der Hildegard von Bingen wieder entdeckt. Die mittelalterliche Mystikerin  beschrieb die Wirkung bestimmter Steine und empfahl vor allem die Einnahme von pulverisierten Stein-Elixieren. Je wertvoller die Steine waren, desto wirksamer sollten sie sein. Das scheint auch heute noch zu gelten.

Ein Saphir um den Hals getragen sorgt angeblich für einen klaren Verstand und ist außerdem fiebersenkend. Regelmäßiges Lecken am "Chalcedon" soll die Redefähigkeit verbessern und Krankheiten im Halsbereich "abwenden". Solche Empfehlungen findet man im Webshop der "Hildegard-Medizin", wo man übrigens auch pulverisiertes Gold - der Stein "mit dem Wesen der Sonne" - inklusive Anwendungsanleitung bestellen kann. 

Reinigung und Chakrenaktivierung

Viele "reinigen" ihr Trinkwasser, indem sie Edelsteine in den Wasserkrug legen. Beliebt ist auch die "Kosmotherapie". Hier legt der Therapeut Steine rituell und in bestimmter Reihenfolge auf den liegenden Körper des Patienten auf. Musik und Düfte sorgen für eine entspannte Atmosphäre. So sollen die "Chakren" - ursprünglich im Hinduismus gelehrte Energiezentren – aktiviert werden.

In Esoterik-Shops werden Edelsteine als Schmuckanhänger verkauft, zahlreiche Bücher beschreiben deren therapeutische Wirkungen. Jeder Autor scheint seine eigenen willkürlichen Theorien zu haben, denn die Angaben und Erklärungen zur Heilkraft der einzelnen Steine fallen höchst unterschiedlich aus.

Gutes Geschäft

"Werden Steine als Heilsteine bezeichnet steigt ihr Wert rapide an", stellt Oberhummer fest. In Deutschland erwirtschaftet der so genannte "Sinnmarkt" zurzeit 25 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. "Und er wächst rasant, mit Raten von bis zu acht Prozent im Jahr", weiß der Konsumforscher Eike Wenzel. Der deutsche Markt bewege sich in Richtung 35 Milliarden, das entsprechende Volumen in Österreich schätzt er auf ein Zehntel davon.

Beweise für eine heilende Wirkung von Steinen gibt es nicht. Schaden richtet der Glaube daran allerdings auch nicht, so lange man Heilsteine nicht als Ersatz für Medizin verwendet. "Gefahr besteht dann, wenn bei ernsten Krankheiten eine notwendige medizinische Behandlung unterlassen wird, denn Heilsteine haben keine nachvollziehbaren Wirkungsmechanismen". (Elisa Weingartner, derStandard.at, 8.3.2013)

  • "Heilsteine": Nachweise für ihre Heilkraft fehlen.

    "Heilsteine": Nachweise für ihre Heilkraft fehlen.

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