Die Illusion vom olympischen Antrieb

7. März 2013, 18:41
135 Postings

Als im Sommer 2012 Großbritannien im olympischen Goldrausch schwelgte, beschworen Politiker und Sportfunktionäre die positiven Auswirkungen für die Spitzen- und Breitensportler auf der Insel. Sieben Monate später zeigt sich die traurige Realität

Dass schon bald nach der olympischen Party Klubs und Kommunen Trainer entließen und Schulen das Budget für Turnstunden kürzten, blieb in der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Dass die nacholympische Sparwelle jetzt aber auch das Postergirl der Londoner Spiele erfasst, sorgt für gehöriges Aufsehen. Jessica Ennis, Olympionikin im Siebenkampf, muss sich wohl eine neue Trainingsstätte suchen. Das Leichtathletikstadion ihrer Heimatstadt Sheffield wird geschlossen. "Das ist ein Riesenjammer" , klagte die 27-Jährige, die den Gastgebern im Sommer 2012 eine der wichtigsten Goldenen besorgt hatte und dafür vor einer Woche von der Queen im Buckingham-Palast mit der Auszeichnung zur Commander des Order of the British Empire geehrt wurde.

Tags darauf teilte die Stadtverwaltung von Sheffield mit, dass das Don Valley Stadium geschlossen werden muss. Ohne Hilfe der Zentralregierung könne die hochverschuldete, 550.000 Einwohner zählende nordenglische Industrie- und Universitätsstadt die jährlichen Unterhaltskosten in Höhe von mehr als 800.000 Euro nicht mehr stemmen.

Das 1990 eröffnete und 25.000 Zuseher fassende Don Valley Stadium ist auch Trainingsstätte des Sheffield Athletics Club, der nach Ennis' Londoner Triumph eine Anlaufstelle für sportbegeisterte Kinder und Jugendliche wurde. Die Zahl der Trainierenden sei von 340 auf 800 hochgeschnellt, berichtet Toni Minichiello, der Ennis seit deren 13. Lebensjahr trainiert. "Hier geht es um mehr als um Jessica. Die Fehler im System beschädigen eine ganze Generation von Jugendlichen, die Sport treiben wollen."

Tatsächlich beklagen Sportverbände und Schulen seit Jahren den Mangel an Investitionen. Die konservativ-liberale Koalition strich bereits 2010 das Schulsport-Budget um landesweit 187 Millionen Euro zusammen. Eine mehrfach angekündigte Entscheidung über neue Zuschüsse hat Bildungsminister Michael Gove ebenso mehrfach verschoben. Sogar die Vorgabe zweier Sportstunden pro Woche wurde aufgegeben.

Die Inaktivität hat Folgen. Schon heute gelten 30 Prozent aller Elfjährigen in Großbritannien als übergewichtig. "Da können wir uns in der Zukunft auf massive Probleme gefasst machen", warnt Tim Lamb von der Sport and Recreation Alliance (SRA). Schon in den untersten Schulstufen müsse der körperlichen Betätigung mehr Bedeutung beigemessen werden. " Wir sollten in jeder Schule einen qualifizierten Sportlehrer haben."

Subventionsvandalismus

Davon sind viele Bezirke im Land weit entfernt. Im Londoner Armenviertel Tower Hamlets, das an das Olympiagelände grenzt, musste die Schulbehörde im Herbst fünf Trainer und Koordinatoren entlassen. Der Anteil von Kindern, die regelmäßig Sport treiben, fiel von 50 auf 24 Prozent. Die Kürzungen für den Schulsport seien "sehr destruktiv, das grenzt an Vandalismus", wetterte Chris Dunne, Direktor einer Schule in Tower Hamlets, und erinnert an den Slogan, mit dem London die Olympischen Spiele seinerzeit promotete und gewann: "Inspire a generation."

Das ist bisher nicht gelungen, im Gegenteil. Im Olympia-Jahr trieben laut Regierungsstatistik weniger junge Briten zwischen 16 und 25 Jahren einmal pro Woche Sport als 2005, als die Spiele nach London vergeben wurden. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 8.3.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Jessica Ennis, die ihren olympischen Traum in London genoss, ist in der britischen Wirklichkeit angekommen.

Share if you care.