Chinas Chefökonomen uneinig

7. März 2013, 18:25
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Debatte zu übereilter Urbanisierung der Gesellschaft

Auseinandersetzungen erfolgen in China nur durch die verbale Blume: Am Rande des Volkskongresses debattierten am Donnerstag Ökonomen und Ex-Minister daher freundlich, aber durchaus kontroversiell, wie es mit dem Land weitergehen soll.

Der Makroökonom Lin Yifu, bis 2012 Vizepräsident der Weltbank, verbreitete Zuversicht: Chinas Wirtschaft konnte in 30 Jahren durchschnittlich jeweils um 9,9 Prozent zulegen. Sie verfüge über genügend Reserven für weiteres achtprozentiges Wachstum in den kommenden 20 Jahren. Als Volkswirt warnte er aber vor der "Mittleren Einkommens-Falle". Sie öffne sich nach Wachstumserfolgen bei Ländern, deren Produktivität nicht schneller steige als ihre Selbstkosten, bei denen die Exportkraft abnehme und die Nachfrage am Binnenmarkt nicht rasch genug angekurbelt werden kann.

Warnung vor "Armutsfalle"

Der 72-jährige Reformökonom Li Yining hielt dies für modischen Schnickschnack im Vergleich zur "Armutsfalle", in die auch Länder mit mittlerem Einkommen abstürzen können; siehe Griechenland. Solche Fallen lauerten eben in jeder Entwicklung, besonders, wenn noch soziale Unruhen und Verteilungsungerechtigkeit dazukommen. China müsse Reformen in der Umverteilung angehen, Sozialfrieden herstellen und Technologie-Innovationen fördern. Alarmiert sei Li auch durch die Euphorie über die beschleunigte Urbanisierung.

Wie schon Wen Jiabao, will auch der künftige Premier Li Keqiang die Urbanisierung zu einem Eckpfeiler machen - neben Investitionen in Industrie, Landwirtschaft und Informationstechnologie. Ohne den Premier, übrigens sein früherer Student, zu nennen, hielt Li dagegen und sah gefährliche Risikoblasen, wenn China das Urbanisierungstempo verschärft und Lokalregierungen sich für den Ausbau von Städten verschulden. "Wenn dann nur eine Bank zusammenbricht, erleben wir eine Kettenreaktion."

Auch Agrarexperte Chen Xiwen warnte vor einer grobmaschig gestrickten Urbanisierung. Diese führte schon bisher zu Problemen für die Umwelt, Ressourcen und Stadtplanung. Seit 2000 hätten sich rund 250 Millionen Bauern in Städten angesiedelt, ihnen fehle aber der Status von Stadtbürgern mit deren Privilegien, sagte der Sozialökonom Gu Shengzu, Mitglied des Parlamentspräsidiums. Das sei nicht nur ungerecht, sondern führe auch zu gigantischen Finanzbelastungen, von denen niemand wüsste, wer sie lösen soll - geschweige denn, wie. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, 8.3.2013)

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