Als Frauen werden sie nicht erträglicher ...

Kommentar der anderen7. März 2013, 18:22
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Mummenschanz auf oppositionspolitisch, Villacher Fasching statt klugem Aktionismus: die Grünen am Frauentag

Als ich erstmals das Plakat mit den alten Transen sah, wollte ich es nicht glauben. Ich dachte an einen zynischen Scherz der amtierenden wie auch rechtspopulistischen Phallokratie, an eine parteienübergreifende Verhöhnung frauenrechtlicher Forderungen der Grünen: Lieber verkleiden wir uns als Frauen, als die Quote zu erfüllen und ihnen die Chefetagen zu überlassen. Fassungslos musste ich erkennen, dass die Grünen selbst es waren, die mit teekränzchenfröhlichem Altdamenhumor bekundeten, dass sie das System nicht transformieren, sondern bloß per Geschlechtsumwandlung bewahren wollen.

Vorausgeschickt sei, dass ich ein humorloser Mensch bin und dort, wo behagliches Mitlachen gefordert ist, auch Humor auf Herz und Hirn prüfe, weil ich noch immer hoffe, dass der Widerspruch zwischen jenem und diesen bloß eine alpine Regionalabweichung darstellt. Was also wollen uns die Grünen mit dem Plakat sagen?

Wollen sie qualifiziertere Frauen etwa von den Parteispitzen fernhalten, indem sie uns erst wieder nur eine Fayfrau, die Spindeleggerin, eine sterilisierte Doberfrau und die Tante Fränk auf den Hals wünschen? Und warum schließen sich Claudia Werner-Lobo und Queen Öllinger in 60ies-Turmfrisuren selbst von der Burlesque-Party aus? Zu wenig Wille zur Macht? Um Jobs und Pfründen zu behalten, müssten diese Spießgesellen schon richtige -gesellinnen werden und wirklich unters Messer, denn bloßes Transentum fiele unter Quotenbetrug.

Faymanns Queerness

Strache gleicht jedenfalls Peter Alexander als Charleys Tante, Spindelegger einem abgetakelten Austropopper, und Faymann zu feminisieren ist nicht sonderlich einfallsreich, sah er doch immer schon aus wie eine uneheliche Tochter von Peter Falk und Tommy Lee Jones, und das ist noch seine sympathischste Seite, denn Faymanns Queerness liegt ganz woanders als im Genderbereich ... Dass die grünen Grafiker aber gerade Freda Meissner-Blaus Skalp über den steirischen Blutzer des Magma-Bosses gespannt haben, zeugt von einer beispiellosen Undankbarkeit gegenüber den Verdiensten dieser Frau für ihre Partei.

Fazit: Die dargestellte Faschingsgilde ist das Produkt einer tausende Jahre währenden Männerquote und bestimmt nicht das Personal, das auch in weiblicher Form wünschenswert wäre. Denn das dürftige Hauptargument gegen die Frauenquote fordert ja, Posten und Positionen sollten nicht nach biologischer Kontingenz, sondern nach Qualifikation vergeben werden. Dass dieses Argument zumeist aus dem Mund saturierter Männer tröpfelt, die ihre Qualifikationen nie so hart evaluieren ließen, wie sie es von den Quotenfrauen fordern, bekundet auch die berechtigte Angst, von einem Heer nachdrängender ehrgeiziger und hochqualifizierter Frauen aus den Feinkostläden der Macht gedrängt zu werden.

Für diese Frauen jedoch betreiben die Grünen mit ihrem affirmativen Gschnashumor keine Affirmative Action. Natürlich fühlen sich die Macher und Macherinnen des Plakats nun missverstanden. War doch nur eine Hetz, und wie laut zerfetzte unser Wiehern aus unseren Dachterrassenwohnungen die Stille unserer Parallelgesellschaft im siebten und sechsten Bezirk, als uns die Idee nach dem fünften Yogitee aufstieß. Humorlos sei es, Humor zu zerreden.

Brechen von Gewohnheiten

Stimmt, weil einem das Lachen sofort vergeht, wenn man ihm auf den Zahn fühlt und den Konformismus erkennt, mit dem er gefüllt ist. Es gibt auch guten Humor, mit dem schafft man allerdings weniger heiteres Einverständnis. Es wäre Humor, der Gewohnheiten bricht, anstatt sie zu bestätigen. Als Alternative würde sich aber, besonders für eine kämpferische Partei der Minderheiteninteressen, auch der bewährte Witz anbieten, der Gleichklang also von Fantasie, analytischer Schärfe und Subversion. Hierin liegt das allgemeine Dilemma der Grünen, die seit Jahren ihr biederes Image loswerden wollen und nicht wissen, wie. Sie bräuchten bloß aufzuhören, so bieder zu sein, doch da müsste vielleicht auch frecheres, mit den gesellschaftlichen Kämpfen im Bauch der Gesellschaft vertrauteres Personal, weibliches wie männliches, zum Zug kommen. Konziliante Harmlosigkeit als Kampfprogramm bringt keine Stimme in der politischen Mitte, sondern lädt nur zum Spott ein. Die kraftlos im Handgelenk hängende Faust beim Abbeten der Phrase "Frauenpower", dessen "p" noch dazu zu österreichisch weich gerät, ist auch keine akzeptable Repräsentanz weiblicher Selbstermächtigung.

Das Transenplakat ist eben symptomatisch für eine Partei, die lieber einen geistigen Korridor vom Life Ball zum Villacher Fasching als zu klugem Aktionismus schlägt. Bis vor kurzem brauchte sie das nicht zu kratzen, glaubte sie sich ohnehin am linken Rand eines Spektrums, dessen allgemeiner Rechtsdrall zur österreichischen Folklore zählt. Seit der Krise drängen aber von links Bewegungen nach, die keiner etablierten Partei mehr bedürfen.

Die Wahrheit des Transenplakats offenbart sich in der Schreckensvision, dass Gesichter und Geschlechter wechseln mögen und doch dieselbe Klasse die Macht behält. Dessen Feminismus scheint aber eher von der zweiten Darstellerin von Charleys Tante, Heinz Rühmann, inspiriert als von Simone de Beauvoir. Wer nicht mehr zu liefern hat, sollte den Rat einer anderen großen Frau des 20. Jahrhunderts beherzigen: Anna Magnani: "Es gibt so wenige Menschen, die nichts zu sagen haben und es auch tun." (Richard Schuberth, DER STANDARD, 8.3.2013)

Richard Schuberth, geb. 1968, lebt als freier Autor in Wien. Seine " Donau-Farce" "Trommeln vom anderen Ufer des großen Flusses" ist dieser Tage beim Drava-Verlag als Buch erschienen.

  • "Teekranzfröhlicher Altdamenhumor": Eva Glawischnig bei der Präsentation der grünen Frauentagskampagne, mit "Helga-Clara, Franziska, Michaela und Wilma" (von links).
    foto: privat

    "Teekranzfröhlicher Altdamenhumor": Eva Glawischnig bei der Präsentation der grünen Frauentagskampagne, mit "Helga-Clara, Franziska, Michaela und Wilma" (von links).

  • Autor Richard Schuberth als einfühlender Beobachter.
    foto: privat

    Autor Richard Schuberth als einfühlender Beobachter.

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