Umverteilung nach oben

Kommentar7. März 2013, 18:03
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Der von den Notenbanken angeheizte Aktienboom hilft vor allem Vermögenden

Sie sind die Helden der internationalen Finanzwelt. Mario Draghi und Ben Bernanke haben Banken und Finanzmärkte mit üppigen Geldspritzen aus dem Sumpf gezogen. Ersterer sorgte überdies dafür, dass die EU-Politik seit einem halben Jahr nicht mehr im Stundentakt gegen den drohenden Zusammenbruch der Eurozone ausrücken muss. Während besser situierte Aktienanleger dank neuer Höchststände die Sektkorken knallen lassen, lasten Sparpakete und Negativzinsen auf dem Mittelstand und den unteren Einkommensschichten.

Man kann es getrost auch zuspitzen: Seit Ausbruch der Krise hat die Umverteilung nach oben neue Ausmaße erreicht. Nachdem erst Bankengläubiger und teilweise auch Aktionäre der Geldinstitute bei den Rettungsaktionen auf Kosten der Steuerzahler unbehelligt geblieben sind, sorgen nun die Notenbanken für Erleichterung der großen Anleger, während die breite Masse erleichtert wird.

Die Geldspritzen für die Banken und die Wertpapierkäufe haben international die Zinsen in den Keller gedrückt. Während die Verbesserung des Kreditflusses und somit die Konjunktureffekte dieser Programme umstritten sind, liegen die negativen Effekte auf der Hand: Die Verzinsung von Spareinlagen, Lebensversicherungen oder Staatsanleihen liegt deutlich unter der Inflation, die Kapitalertragsteuer vergrößert das Loch zusätzlich. Deshalb werden zusehends Mittel in Werte mit höheren Renditechancen gepumpt.

Flucht in Sachwerte

Während in den USA auch breitere Schichten in den erstarkten Aktien investiert sind, ist diese Anlagekategorie in Europa und erst recht in Österreich eine Angelegenheit für Betuchte oder Personen mit guten Finanzkenntnissen. Diverse Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass das oberste Einkommensviertel rund drei Viertel der Finanzanlagen auf sich vereint.

Von den Beschwichtigungen, es handle sich um eine vorübergehende Flutung der Märkte, die mit keiner Inflationsgefahr verbunden sei, sollte man sich nicht einlullen lassen. Die exorbitanten Löcher in den öffentlichen Kassen lassen den Notenbanken kaum eine Alternative, würden sie doch mit einer Normalisierung der Geldpolitik die Refinanzierungskosten erhöhen und die Staatsschuldenkrise ordentlich anheizen. Die Verschuldung der Industriestaaten nähert sich mit einem Wert von 111 Prozent der Wirtschaftsleistung rasant dem historischen Höchststand während des Zweiten Weltkriegs. Und aus der Nachkriegszeit kennt man ja auch die aktuelle Methode, die Schuldenberge möglichst unauffällig abzutragen: Je niedriger die Zinsen und je höher die Inflation, desto erfolgreicher läuft die Entschuldung nach dem Schema der "Financial Repression".

Die seit geraumer Zeit stattfindende Flucht in Sachwerte - neben Aktien vor allem Immobilien und Gold - zeigt schon, wie groß die Angst vor der Notenpresse ist. Und eben auch dass das Großkapital relativ einfach der finanziellen Repression entkommen kann.

Zwar kann die gute Lage an den Finanzmärkten die Realwirtschaft anstecken, doch dazu fehlt derzeit das Vertrauen. Kein Wunder: Das Spielgeld der Banken vermehrt sich laufend und erhöht das Risiko neuer Zusammenbrüche; die Angst vor Blasen steigert eher die Vorsicht statt die dringend benötigte Investitionsbereitschaft. Und die Ziele nachhaltiges Wachstum und mehr Verteilungsgerechtigkeit rücken in weite Ferne. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 8.3.2013)

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