Kein Ende der Hürden an den Hochschulen

7. März 2013, 16:46
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Öffentliche Gebäude werden nur langsam barrierefrei. In den heimischen Hochschulen stehen Studierende mit Behinderung vor vielen Hindernissen

Wien – Treppen ohne Rampen, schlecht beleuchtete Gänge oder Vorlesungen ohne Mikrofone und Gebärdensprachdolmetscher: Barrieren an den österreichischen Universitäten gehören zum Alltag von Studierenden mit Behinderungen. Eigentlich sollten bis 2016 alle öffentlichen Gebäude barrierefrei gemacht werden. Ausgehen wird sich das wohl nicht. Im Nationalen Aktionsplan Behinderung, der die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Österreich verfolgt, ist daher als neue Deadline 2020 festgesetzt worden. Hauptgrund ist die Finanzierung, aber auch die Komplexität des Problems ist nicht unwesentlich: Was einer Beeinträchtigung entgegenwirkt, kann die Situation anderer erschweren.

Der Anteil an Studierenden, die angeben, eine Behinderung zu haben, ist äußert  gering: Nur 1,1 Prozent sehen sich selbst laut Studierendensozialerhebung 2011 als behindert an. Oft werden Nachteile oder Stigmatisierung an der Uni befürchtet, weshalb trotz ihres eigentlichen Anspruchs darauf auch 53 Prozent der Studierenden keinen Behindertenpass beantragen. Rund zwölf Prozent aller Studierenden geben jedoch an, an einer oder mehreren Beeinträchtigungen, die das Studium für sie erschweren, zu leiden.  Diese umfassen etwa chronische und psychische Krankheiten, Teilstörungen wie Legasthenie sowie Behinderungen. In absoluten Zahlen ergibt das rund 36.500  Betroffene.

Die Behindertenbeauftragte der Technischen Universität Wien, Marlene Fuhrmann-Ehn, ist in ihrer täglichen Arbeit mit "sehr unterschiedlichen Anforderungen" konfrontiert. Diese richten sich nach dem "persönlichen Bedarf, der sich aus Behinderung und Studium" ergibt. Die Behindertenbeauftragten der Unis organisieren Unterstützung für betroffene Studierende: Beispiele dafür sind das Mitschreiben in Lehrveranstaltungen oder die Assistenz im Labor. Diese Hilfestellungen werden an der TU Wien von Tutoren übernommen. Fuhrmann-Ehn und ihr Kollege vom Blindenleseplatz sind die einzigen Mitarbeiter, die sich um das Thema kümmern. Für mehr Personen reicht die Finanzierung aktuell nicht – nicht nur an der TU Wien.

Unsichtbare Hürden

Dass an den Unis meist nur eine Person für das Thema zuständig ist, möchte die  Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) ändern: Die Arbeitsgruppe "Barrierefreie Hochschule" der zweiten Auflage von Forum Hochschule sieht eine Servicestelle, die sich an der Hochschulgröße orientieren soll, sowie mehrere Gremien unter Beteiligung betroffener Studierender vor. Auch ein zuständiges ÖH-Referat ist in Planung. Ziel der Maßnahmen ist es, dass "alle Studierenden unabhängig davon, welchen Barrieren sie gegenüberstehen, an jeder Hochschule mindestens 30 ECTS pro Semester absolvieren können", sagt Veronika Kronberger von der ÖH-Arbeitsgruppe.

"Es ist schön, wie sie das machen, mit gesprochener Sprache und mit Gebärden", meint ein älterer Mann vor dem Audimax der Universität Wien. "Es kommt immer wieder mal vor, dass man uns nach der Gebärdensprache fragt, das erhöht die Toleranz und steigert die Sensibilität", sagt dazu Bernadette Auersperg vom Verein österreichischer gehörloser Studierender (VÖGS).

Zu schmale Türen, fehlende taktile Leitsysteme oder endlose Treppen gehören zu jenen Barrieren, die einem schnell auffallen. Aber nicht nur solch offensichtliche Hürden können ein Problem darstellen. Für  hörbeeinträchtigte Studierende kann Unsichtbares zum Problem werden: zu viel Metall oder schlechte Akustik beispielsweise, wie Florian Wibmer, Vorsitzender des VÖGS, erzählt – im Hall des Lärms auf der Juristenstiege der Uni Wien. Was das Pro blem mit dem Metall ist? "In manchen Hörsälen gibt es bereits Induktionsschleifen für schwerhörige Studierende", erklärt der Gehörlose über seine Dolmetscherin. "Wenn in den Räumen zu viel Metall ist, funktioniert die Übertragung nicht mehr." Über Magnetfelder wird der Ton an die Hörgeräte übertragen. "Es ist so ähnlich, als ob man kabellose Kopfhörer aufhätte", sagt Auers perg. An der gesamten Uni Wien sind 22 Hörsäle mit dem technischen Hilfsmittel für Schwerhörige ausgestattet. Gehörlose Studierende benötigen Dolmetscher, die eigens angefordert werden. Dafür müssen die gewünschten Lehrveranstaltungen in einen eigenen Kalender eintragen werden. Pro bleme gebe es, wenn die Gebärden für Fachtermini nicht bekannt sind oder die Vortragenden unverständlich sprechen – und der Dolmetscher dadurch ins Strudeln komme.

Trotzdem ist Widmer klar: Die Barrieren für gehörlose Studierende sind viel früher zu finden: "Es ist schwierig für gehörlose und hörbeeinträchtigte Schüler, überhaupt die Matura abzuschließen und dann einen Zugang zur Uni zu haben." (Oona Kroisleitner, DER STANDARD, 7.3.2013)

  • Zwölf Prozent der Studierenden geben an, an studienerschwerenden Beeinträchtigungen zu leiden. Von den Universitäten erfordert das den Abbau völlig unterschiedlicher Barrieren. 
    foto: standard/kroisleitner

    Zwölf Prozent der Studierenden geben an, an studienerschwerenden Beeinträchtigungen zu leiden. Von den Universitäten erfordert das den Abbau völlig unterschiedlicher Barrieren. 

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