Unterforderung am Arbeitsplatz: "Es ist wie eine Strafe"

12. März 2013, 15:12
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derStandard.at-Leser berichten von ihren Erfahrungen mit zu wenig Arbeitsaufträgen und Langeweile im Job

Vor kurzem startete derStandard.at einen User-Aufruf zum Thema "Boreout" und Langeweile am Arbeitsplatz. Ein Thema, das mehr Arbeitnehmer betrifft, als allgemein vermutet wird. Und ein Problem, das gesellschaftlich oft unterschätzt wird. Häufig versuchen Betroffene, den Schein zu wahren, beschäftigt zu sein, um den Job nicht zu verlieren.

Das dauernde Warten auf Arbeitsaufträge und das Gefühl, am Ende des Tages die Zeit nur unproduktiv verbracht zu haben, bringt motivierte Menschen, die etwas leisten möchten, oft zur Verzweiflung. Nicht nur Überforderung kann zu Stress und Burnout führen, auch umgekehrt kann es bei chronischer Unterforderung zu negativen Belastungen mit gesundheitlichen Folgen kommen.

"Es ist einfach nur schrecklich"

Die Leser, die uns in ihren Zusendungen ihre persönliche Job-Situation schildern, vergleichen ihr Arbeitsleben mit einem Gefängnis, klagen über Erschöpfung und Krankheit, berichten über das negative Gefühl, nichts Sinnvolles zu leisten und darüber, in der Folge ihr Selbstbewusstsein zu verlieren, da sie anzweifeln, überhaupt noch verantwortungsvolle Tätigkeiten übernehmen zu können.

Die Emails, die in die derStandard.at-Redaktion zum Thema hereingetrudelt sind, beginnen mit Sätzen wie: "Langeweile im Job kenne ich leider zu gut! Es mag sich für Nichtbetroffene vielleicht lächerlich anhören, aber es ist einfach nur schrecklich", so Userin C. Oder: "Das einzig Aufregende an den Arbeitstagen war die regelmäßige Zugfahrt. Seit dem Praktikum ist keine Furcht bei mir so groß, wie Langeweile im Job zu haben", schreibt etwa User O. 

"Zeit absitzen"

Mehrere User vergleichen ihre Job-Situation mit dem Gefühl des Eingesperrt-Seins. Userin A. bekam nach ihrem Studienabschluss eine Stelle als Büroleiterin in einem Sekretariat angeboten: "Die anfängliche Freude darüber hat sich sehr schnell in Frust gewandelt. Da es einfach meistens NICHTS zu tun gibt. Das Büro muss aber besetzt sein, da Kunden vorbei kommen könnten. Ich stehe oft am Fenster und schaue auf die Straße und komme mir vor wie in einem Gefängnis. Ich muss die Zeit absitzen, denke ich mir. Es ist wie eine Strafe."

Userin C. berichtet ähnliches: "Es ist so, dass die Stelle während der Öffnungszeiten besetzt sein muss – egal wie viel gerade los ist. Natürlich gibt es auch Rush-Hour-Zeiten, wo mal richtig viel zu erledigen ist. Die meiste Zeit muss ich aber 'absitzen'. Vielleicht ein Viertel bis ein Drittel meiner Dienstzeit bin ich ausgelastet." Und Userin L. beschreibt ihre "grausame Situation" in ihrer Lehrzeit so: "Ich fühlte mich nutzlos und eingesperrt in mir selbst."

"Abends völlig erschöpft"

Auch über Erschöpfungszustände bis hin zu Krankheit wird geklagt: "Am Abend gehe ich nach Hause und habe nicht mal Kraft, ins Fitnessstudio zu gehen. Ich fühle mich leer, depressiv und muss oft weinen", gibt Userin A. offen zu. Userin C. spürt abends einen großen Unterschied, ob sie in ihrer Arbeit gefordert wurde oder nicht: "An Tagen, an denen ich viel zu tun habe, gehe ich munter und erholt heim. An Tagen, an denen ich acht Stunden Däumchen drehe, bin ich abends völlig erschöpft vom Nichts-Tun. Das mag zwar paradox klingen, aber es ist eine irre mentale Belastung, wenn man immer das Gefühl hat, man ist unnütz und kann nichts Bedeutendes leisten."

Manchmal schlage sich die dauernde Unterforderung auch direkt auf die Gesundheit nieder. Userin L. etwa schreibt: "Ich hatte ständig Bauchschmerzen und ein Engegefühl in meiner Brust." Und Userin A. beklagt: "Ich hatte ein Magengeschwür (rauche und trinke nicht) und habe Blut gekotzt und mir die Seele aus dem Leib gespieben."

"Muss ja beschäftigt wirken"

Die Angst, aufzufallen und als faul abgestempelt zu werden, begleitet viele Arbeitnehmer, die in ihrem Job nicht gefordert werden. Userin C. ist froh, dass es Twitter und Pinterest gibt, um die Zeit zu vertreiben. "Theoretisch könnte ich Sinnvolleres machen wie einen Pulli stricken, Ulysses lesen oder Fremdsprachen erlernen", schreibt sie. "Aber nach außen hin muss ich ja beschäftigt ausschauen. So wirkt es wenigstens, als hätte ich wichtige Arbeit am Bildschirm."

Als sehr belastend wird auch die Tatsache empfunden, dass wertvolle Zeit sinnlos verstreicht und nicht selten unnütze Tätigkeiten gefordert werden, um nicht untätig zu wirken. "Ich bekomme innerliche Krämpfe, weil mein Leben an mir vorbeizieht und es vollkommen sinnlos wird", ärgert sich Userin A. "Ich habe kurzgeschnittenen Rasen gemäht, saubere Beete gejätet, mit von vielen kritisierten Laubblasgeräten oft gegen den Wind Blätter von der einen an eine andere Stelle bewegt", beschreibt User M. seine Zeit beim öffentlichen Dienst. "Um beschäftigt zu wirken, wird mit dem Auto spazieren gefahren, auf der Ladefläche alibihalber ein Rasenmäher, Rechen, Schaufel."

"Traue mir nichts mehr zu"

Neben all den negativen Seiten des verpflichtenden Nichts-Tuns wird zudem ein Problem angesprochen, das weit über die momentane Situation auch die Zukunft im Arbeitsleben betrifft. "Neben dem Gefühl der Nutzlosigkeit kommt hinzu, dass ich mir mittlerweile selbst nichts mehr zutraue, weil ich schon so außer Übung bin", meint Userin C. "Daher traue ich mich schon gar nicht mehr, mich für anspruchsvollere Jobs zu bewerben."

Auch Userin A. kennt das: "Meine Freunde sagen, ich solle endlich kündigen, aber wenn man sich so leer fühlt, weil die Arbeit sinnlos ist, verlernt man Selbstvertrauen zu haben und weiß nicht mehr, was man eigentlich für Fähigkeiten hat. Und es kostet Kraft und Phantasie, sich für andere Stellen zu bewerben."

"Buche Reisen und schreibe Prosatexte"

Eine Leserin schreibt uns, dass trotz Langeweile und Einsamkeit in ihrem Job das Boreout-Syndrom bei ihr keine Chance hat. "Ich habe viele Leerzeiten in meinem Job, vor allem, wenn mein Chef nicht da ist, was sehr oft vorkommt", schreibt B. Sie nutze diese Zeit, um Dinge zu tun, die für sie wichtig sind und sie persönlich voranbringen: "Ich lese und recherchiere viel, telefoniere mit Freunden, buche Reisen, bearbeite meine digitalen Fotos, schreibe Prosatexte oder bereite mich auf eine Prüfung vor."

Ihr Vorteil: Sie verbringe ihren Arbeitstag im Büro ganz alleine, ohne Kontakt zu anderen. "Neben einem Kollegen oder einer Kollegin so viele private Dinge zu tun würde ich mich nie trauen, aus Angst sie oder er könnte mir eines Tages in den Rücken fallen. Deshalb würde ich in einem anderen Umfeld mit wenig Arbeitspensum und unter Beobachtung bestimmt zugrunde gehen." (jak, derStandard.at, 12.3.2013)

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Ausgewählte Zitate aus dem derStandard.at-Forum

In Kürze werden weitere User-Zitate in einem zweiten Teil zum Thema "Boreout" gesammelt veröffentlicht.

  • Das Nichts-Tun und Eingesperrt-Sein im Zoo macht müde. Im Arbeitsleben einiger Arbeitnehmer sieht es ähnlich aus.
    foto: ap/kai-uwe knoth

    Das Nichts-Tun und Eingesperrt-Sein im Zoo macht müde. Im Arbeitsleben einiger Arbeitnehmer sieht es ähnlich aus.

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