Geplündertes Kulturgut in Ägypten

Gastkommentar8. März 2013, 16:53
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Über die Auswirkungen des systematischen Raubs von kulturellen Schätzen in Ägypten

Der sogenannte Arabische Frühling währt nun schon mehrere Jahreszeiten und Ägypten kommt nicht zur Ruhe. Anhaltende Proteste prägen das politische Klima und Großdemonstrationen sind gleichsam das mittlerweile probate Mittel der politischen Kommunikation. Auch die öffentliche Gewalt nimmt nicht ab, Plünderungen und Übergriffe gegen die Bevölkerung sind gleichsam alltäglich. Zuletzt machte eine Welle sexueller Gewalt gegen Frauen, die sich an den Demonstrationen beteiligen, weltweite Schlagzeilen und löste Bestürzung und Betroffenheit aus, wie auch derStandard berichtete.

Zu Beginn des Arabischen Frühlings in Ägypten, den "Tagen des Zorns", schockierte auch die Nachricht von der Plünderung des Ägyptenischen Nationalmuseums in Kairo, eines der berühmtesten Kunst- und Kulturmuseen der Welt. Erinnerungen an die Plünderung des Irakischen Nationalmuseums in Bagdad im Jahr 2003 wurden wach.

Plünderungen bis heute nicht völlig unter Kontrolle

Von den Medien weniger beachtet, aber von der Fachwelt umso mehr mit großer Sorge zur Kenntnis genommen wurden Meldungen über Plünderungen archäologischer Stätten im ganzen Land – man dachte mit Schrecken an die anhaltenden Plünderungen der archäologischen Stätten im Irak, die erst nach mehreren Jahren einigermaßen abebbten, allerdings bis heute nicht völlig unter Kontrolle sind.

Die Meldungen über die Situation in Ägypten waren mehrere Wochen lang widersprüchlich und daher führte die UNESCO-affiliierte Organisation Blue Shield unter der Leitung ihres Präsidenten Karl Habsburg-Lothringen eine Fact Finding Mission durch, die erstmals neutrale und solide Informationen über das Ausmaß von Plünderung und Zerstörung an die UNESCO und die internationale Fachwelt vermittelte.

Vor Ort half unter anderem das Österreichisch Archäologische Institut (ÖAI) in Kairo unter der Leitung von Irene Forstner-Müller. Damals, im Februar 2011, war das Ergebnis der Mission zunächst beruhigend: Zwar gab es vielerorts Plünderungsversuche und Vandalismus an archäologischen Stätten und Denkmälern, der Schaden hielt sich jedoch sehr in Grenzen.  Legendär sind die Bilder der menschlichen Schutzkette der ÄgypterInnen rund um das Nationalmuseum in Kairo, um nach dem Einbruch in das Museum und der Ausplünderung des Souvenirshops (knapp vorbei ist auch daneben) sowie des Vandalismus in einigen der Galerien weitere Untaten zu verhindern.

In der Zwischenzeit ist bekannt, dass Raubgrabungen im ganzen Land in den vergangenen 12 bis 18 Monaten ein schwerwiegendes Ausmaß angenommen haben. Archäologische Kulturgüter im Schätzwert von duzenden Millionen Euro sind bereits in Zwischenlagern verschwunden, auch wenn auf den internationalen Kunstmärkten bislang noch kaum derartige Objekte zu verzeichnen waren. Die Zollfahndung ist alarmiert und arbeitet auf Hochtouren.

Der illegale Handel mit geplündertem beziehungsweise geraubtem Kulturgut im Kontext bewaffneter Konflikte (wie derzeit zum Beispiel in Syrien oder Mali) beziehungsweise politscher instabiler Situationen und mangelnder Sicherheit und Strafverfolgung (wie in Ägypten) steht meist im Schatten der politischen Ereignisse und des menschlichen Leids, das diese Konflikte hervorrufen.

Gewinne verkauften Kulturguts für Waffenkauf

Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass es sich bei der systematischen und großangelegten Plünderung von archäologischen Stätten und Kultureinrichtungen und der illegale Handel mit diesen geraubten Kulturgütern, der weltweit in die Hunderte Millionen Euro geht, um einen blühenden Zweig der organisierten Kriminalität handelt, die eine Bedrohung für die allgemeine Sicherheit weltweit und gerade auch in den Konfliktländern darstellt. Ein Gutteil der generierten Gewinne wird erwiesenermaßen auch für den Ankauf von Waffen verwendet, die in die Konfliktregion zurückverschifft werden und dort wiederum eine Intensivierung der Kampfhandlungen und eine Prolongierung des Konflikts ermöglichen.

Geld wird auch für die Sanierung und Revitalisierung der Kulturgüter Ägyptens notwendig sein, die derzeit dem Vandalismus zum Opfer fallen. Bei den "routine riots", wie sie der ägyptische Autor Samir Raafat in seinem kulturhistorischen Kairo-Blog egy.com nennt, werden immer wieder Kulturdenkmäler und -einrichtungen, öffentliche wie private Gebäude, Hotels usw. angegriffen und ausgeplündert.  So wurde dieser Tage bekannt, dass jüngst auch die Villa Casdagli am Midan Simon Bolivar (ehem. Midan Kasr el-Doubara, in der Nähe des Midan al-Tahrir) in Kairo der Brandschatzung zum Opfer fiel. Die Villa ist ein denkmalgeschütztes historisches Gebäude und für die Stadt ein unersetzliches architektonisches Wahrzeichen.

Die prominente Architektur sowie die Innenausstattung mit Gemälden, Mosaiken und speziellen Intarsien sind im europäisch-kolonialen historistischen Villen-Stil dieser Zeit gehalten. Sie wurde in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts vom österreichisch-jüdischen Architekten Edward Matasek (1867-1912) gebaut, der u.a. auch die Kairoer Sha'ar Hashamayim-Synagoge gebaut hat.

Die Villa wurde ursprünglich wahrscheinlich für den sephardisch-italienischen Bankier und Industriellen Félix Suarès (1844 - 1906) errichtet und nach dessen Tod an die British Agency als Residenz für den Britischen Hochkommissar verkauft, bevor sie im Jahr 1911 Emanuel Casdagli erwarb, ein levantinischer Großhändler georgischer Herkunft, der im lukrativen Manchester-Handel ein Vermögen verdient hatte. In den Jahren des 2. Weltkriegs  zog die US-amerikanische Botschaft ein; die Villa grenzt an das Grundstück der heutigen US-Botschaft. Später wurde das Gebäude zu einer Mädchenschule, die nach dem sudanesischen Revolutionär "Ali Abdelatif" benannt war. Im Jahr 2006 setze das (damalige) ägyptische Denkmalamt, jetzt das Ministerium für Altertümer, die Villa als islamisches Baudenkmal auf die Liste des nationalen Kulturerbes.

Die Villa wurde am 1. Februar in Brand gesetzt. Die Feuerwehr konnte erst am darauffolgenden Tag –und nur mithilfe von Sicherheitskräften sich einen Weg durch die Massen von Menschen, die gegen die Regierung der Muslimbruderschaft demonstrierten, bahnend – zur Villa vordringen und den Brand löschen. Zu diesem späten Zeitpunkt war das Gebäude bereits weitgehend ausgebrannt. Bestätigten Berichten zufolge wurde noch am selben Tag erneut versucht, nochmals Feuer zu legen, die Brandstifter wurden jedoch von Anrainern verjagt. Selbst drei Tage später stieg aus der Ruine immer noch Rauch auf, gleichzeitig konnten immer noch Plünderer beobachtet werden, die durch das Haus streiften und alles Verwertbare mitnahmen. Zu diesem Zeitpunkt waren auch die originalen historischen Zäune und Tore abgerissen und gestohlen. Mittlerweile ist die Ruine behelfsmäßig mit einem Wall aus Betonsegmenten geschützt, die mit regierungsfeindlichen Parolen besprüht ist. Der Ist-Zustand wurde u.a. von Tilly Mulder und Joris Kila, Blue Shield, dokumentiert.

Ägypten befindet sich aller Metaphorik zum Trotz in einer eher dunklen Jahreszeit und wenn endlich einmal der Frühling angebrochen sein wird, wird man erst feststellen können, wie groß die Kollateralschäden am kulturellen Erbe des Landes sind, dessen Schutz  sich engagierte Menschen wie Samir Raafat widmen. Sein Kommentar zur Brandschatzung der Villa Casdagli ist zynisch, aber wohl wahr: "The solitary winner here is the villa's latest owner who will no doubt sell this prime real estate to Qatar or replace it with a lucrative high rise". (Gastkommentar, derStandard.at, 08. 03. 2013)

Friedrich Schipper ist Archäologe an der Universität Wien und leitendes Mitglied von Blue Shield. Er hat die Fact Finding Missions in Ägypten mitkoordiniert.

  • Alte Innenaufnahme des Georgsalons und der Kapelle in der Villa Casdagli.
    foto: jeremy young

    Alte Innenaufnahme des Georgsalons und der Kapelle in der Villa Casdagli.

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