Musikrundschau mit strengen Protagonisten

7. März 2013, 18:25
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Neue Alben von Thurston Moore alias Chelsea Light Moving und John Foxx And The Maths

 CHELSEA LIGHT MOVING Chelsea Light Moving (Matador)
Sonic Youth sind nach der Scheidung der Fronteheleute Kim Gordon und Thurston Moore Geschichte. Während Gordon wieder verstärkt Galerienlärm macht und Exgitarrist Lee Ranaldo solo den Westcoast-Hippie in sich entdeckt, hat Moore nach zwei akustisch gehaltenen Fadgasattacken auf den Spuren des sensiblen Songwritertums der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre (Nick Drake, dieses Zeug, eh toll und so...) wieder den Punk und Hardcore seiner eigenen Jugend entdeckt.

Mit neuen, von Bands wie Jackie-O Motherfucker oder Sunburned Hand Of The Man kommenden Musikern und Musikerinnen ist so mit gewohnter Eier- und Quengelgitarre und Amphetamine mit Schlaftabletten vermengender Melodie- und Riffentwurftechnik eine hübsche, zart gequält klingende Songsammlung entstanden. Die Musik ist die musikalische Entsprechung eines Mittelklasseautos, bei dem man mit angezogener Handbremse in den fünften Gang schaltet. Man kann also sagen, dass der Mitt-50er Thurston Moore jene zweite Jugend nachholt, für die er daheim bei Frau und Kind möglicherweise höhnisch belächelt wird, aber das mit der regelmäßigen Alimente haut wenigstens hin.

Wer im internationalen Festivalzirkus schon nicht mehr Sonic Youth bekommen kann, sollte mit den gagenmäßig sehr wahrscheinlich bescheideneren Chelsea Light Moving auch gut leben. Die Coverversion des alten US-Hartcore-Krachers "Communist Eyes" der Germs klingt dabei fast ein wenig rührend und nach Zunge in den Mundwinkwel gekniffen. Puh, zum Glück greift das Nordic-Walking-Training bei Thurston schön langsam.

Andere Stücke wie das siebenminütige "Alighted" sind Sonic Youth mit etwas gemütlicher als bei Sonic Youth wobbelndem Bass. Ein Song nennt sich "Burroughs", ein anderer sehr toll "Heavenmetal". Ein Refrain lautet "Be a warrior: Love life!" Der Bandname - kein Witz! - ist der alte Firmenname einer von den Minimalkomponisten Steve Reich und Philip Glass betriebenen New Yorker Umzugsfirma. Achtung, liebe Leser, hier kommt ein Mehrwert im Text: Auch im Alter gilt es, stets agil zu bleiben. Gutes Album, kann man sicher noch drei Mal hören, ohne dass es stört.

JOHN FOXX AND THE MATHS Evidence (Metamatic)
Der Mann hat Ultravox verlassen, bevor sie mit Nachfolgesänger Midge Ure zu Helden des käsigen britischen Romantikpop wurden ("Dancing With Tears In My Eyes", brrr!). John Foxx aber blieb immer ein strenger Protagonist des kargen Maschinenpop der Gründerjahre und führt den kühnen Entwurf seines Albums "Metamatic" von 1980 adäquat ins Heute. "Kalt" nannte man das einst.  (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 8.3.2013)

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