Ein Jahr bedingt für Stoß vor Wiener U-Bahn

7. März 2013, 12:58
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Elektriker wegen schwerer Körperverletzung schuldig erkannt - Freispruch für Ehefrau

Wien - Ein 51-jähriger Mann, der am 5. Jänner 2013 knapp vor Mitternacht eine 36-jährige dunkelhäutige Frau nach rassistischen Beschimpfungen in der U-Bahnstation Taborstraße auf die U-Bahn-Geleise gestoßen hatte, ist am Donnerstag im Straflandesgericht zu einem Jahr bedingter Haft verurteilt worden.

Anklage wegen schwerer Körperverletzung

Gegen den Mann war ursprünglich wegen versuchten Mordes ermittelt worden. Angeklagt wurde er wegen absichtlicher schwerer Körperverletzung. Für Richterin Gerda Krausam war aber auch keine Absichtlichkeit gegeben: "Das Ziel, eine schwere Körperverletzung herbeizuführen, war nicht nachweisbar."

Einjährige Bewährungsstrafe

Der Mann habe sich "in einer Stress-Situation befunden", konstatierte die Richterin in der Urteilsbegründung. Bei einem Strafrahmen von bis zu drei Jahren für eine schwere Körperverletzung gemäß § 84 Strafgesetzbuch (StGB) erschien ihr eine einjährige Bewährungsstrafe angemessen, "da sich der Angeklagte reumütig gezeigt hat, einer Beschäftigung nachgeht und integriert ist". Die wegen Unterlassung der Hilfeleistung mitangeklagte Ehefrau des Elektrikers wurde freigesprochen.

Proteste nach Urteilsverkündung

Das nicht rechtskräftige Urteil gegen den 51-jährigen Mann hat unmittelbar nach der Verhandlung für lautstarke Proteste von Prozessbeobachtern gesorgt. "Das ist Mordversuch! Keine Körperverletzung!", riefen die Aktivisten. Besonders die Frau, die damals die verletzte Kenianerin begleitet und den Stoß vor die U-Bahn mitangesehen hatte, echauffierte sich: "Das ist Rassismus! Das war Mordversuch!"

Zwischenrufe während Verhandlung

Bereits während der Verhandlung hatten zwei Prozessbeobachter mit Zwischenrufen auf sich aufmerksam gemacht und für bedrohliche Situationen gesorgt. Die Richterin hatte daraufhin telefonisch die Justizwache um Unterstützung gebeten, die beiden Aktivisten mussten den Gerichtssaal verlassen. Zum Prozessfinale ließen dann mehrere Beamte der WEGA die beiden nicht mehr in die Nähe des Gerichtssaals.

Diese zwei Aktivisten platzierten sich daraufhin in einiger Entfernung hinter einer Brandschutz-Türe, hielten Transparente in die Höhe ("Mordversuch! Keine Körperverletzung! Wir suchen Gerechtigkeit!") und protestierten mit lautstarken Unmutsäußerungen gegen den Ausgang des Strafverfahrens.

Volle Berufung angemeldet

Während der Angeklagte seine einjährige Bewährungsstrafe annahm, meldete Staatsanwältin Dagmar Pulker dagegen volle Berufung an. Sie war weder mit der rechtlichen Qualifikation der Richterin noch dem Strafausmaß einverstanden. Auch gegen den Freispruch für die mitangeklagte Ehefrau des 51-Jährigen legte Pulker Rechtsmittel ein.

Streit um Telefonieren

Der 51-jährige Elektriker hatte in seiner Einvernahme erklärt, er sei "leicht verärgert" gewesen. Daher habe er die Frau auf die U-Bahn-Geleise gestoßen.

Als er und seine Ehefrau am 5. Jänner um 23.40 Uhr mit der U2 nach Hause fahren wollten, trafen sie am Bahnsteig mit zwei Kenianerinnen zusammen, wovon eine telefonierte. Nach dem Geschmack des Elektrikers und seiner Frau offenbar zu laut. Sie baten die beiden Frauen, leiser zu sein, wobei Ohrenzeugen zufolge zwischen der Ehefrau und den beiden Kenianerinnen ein Wortgefecht mit Schimpfwörtern entstand.

"Irgendwann bin ich angespuckt worden. Und dann hab ich ihr einen Stoß versetzt. Es war ein Reflex", erzählte der 51-Jährige. Vorher habe er der 36-Jährigen noch mit der flachen Hand gegen den Kopf geschlagen. Er habe die Frau nicht verletzen wollen: "Ich wollt nicht, dass sie runter fällt." Dann habe er "Angst gekriegt" und sei nach Hause gelaufen.

Augenzeuge drückte Notstopp-Taste

Während er sich seiner Aussage zufolge dort "versteckte", blieb seine Ehefrau zurück. Die Begleiterin der auf die Geleise gestürzten Frau, die dabei einen Bruch des Fersenbeins erlitt, hielt sie nämlich am Tatort fest. Die Verletzte konnte nicht mehr selbst auf die Plattform zurückklettern. Ein aufmerksamer Augenzeuge drückte rechtzeitig die Notstopp-Taste, sodass der Zug in der Station Schottenring zum Stehen gebracht werden konnte. (APA/red, derStandard.at, 7.3.2013)

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