Unter "Problemkids"

Blog7. März 2013, 12:48
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Mit "Problembezirk" startet daStandard.at einen Blog, der vom Alltag in einer Jugendbetreuungseinrichtung handelt

Von allen fallengelassen. Immun gegen jegliche Vernunft. Soziale Fälle, Kollateralschäden der Gesellschaft. Keine Zukunft. Ob das nun wirklich so stimmt? In dieser Dramatik? Hier im reichen Österreich? Ich weiß es selbst nicht. Dazu müsste ich sie wohl mein Leben lang beobachten, die Lebensumstände dieser jungen Menschen besser kennenlernen, mich mit ihren sozialen, innerfamiliären, pubertären und schulischen Problemen vertraut machen. "In die Materie eintauchen", würden Wissenschaftler wohl sagen.

Ich* bin vorübergehend hier in dieser Jugendbereuungseinrichtung beschäftigt. Ich lerne schnell, beobachte genau, versuche zu reflektieren. Ich sauge alles auf. Es ist viel, das zwischen den Zeilen oder, besser gesagt, dem Gesehenen stattfindet. Jugendliche, die an der Lebenskurve stehen. Biegen sie nun nach links oder nach rechts ab? Wird es ihnen überhaupt möglich gemacht, die sprichwörtliche Kurve zu kriegen? Die meisten leben unter schwierigen Verhältnissen. Sind direkt von Armut betroffen.

Sie kalkulieren sehr genau, wenn es darum geht eine Flasche Cola aus dem Automaten zu holen. Sie erzählen mir, dass sie in winzigen Wohnungen in Stockbetten schlafen. Die einzige Unterstützung, die sie bei schulischen Problemen bekommen, ist die, die wir ihnen bieten. Sie haben bisher wenig Zuneigung von anderen, Älteren oder gar positive Erfolgserlebnisse erfahren.

Und ich? Sagen wir, ich bin mittendrin: ein Beobachter. Ich erlebe viele "unglaubwürdige" Momente, weil ich sie damals als Kind selbst nicht so erlebt habe. Meine eigene Jugend war sehr ähnlich und doch ganz anders. Ich bin zweimal in zwei verschiedenen Schulen durchgeflogen, hatte die falschen Freunde. Die Möglichkeiten, die mir das Bildungssystem für meinen sozialen Aufstieg geboten hat, waren auch gering. Ganz zu schweigen von schlechten Lehrern, die das Selbstwertgefühl ruinierten. Vor mir sehe ich immer eine rote Linie, darüber hinaus gab es für mich nichts.

Und bei den Kids hier? Da scheint viel Gutes möglich zu sein, hier werden ihnen Chancen geboten. Und doch scheinen die Jugendlichen, die ich hier erlebe, andere, größere Sorgen im Herzen zu tragen und andere, wohl ernstere Probleme zu kennen. (daStandard.at, 7.3.2013)

*Der Autor ist Mitarbeiter einer Jugendbetreuungseinrichtung.

  • In diesem Blog lesen Sie subjektive Beobachtungen eines Jugendbetreuers, der – vor allem auch im Sinne seiner jungen KlientInnen – anonym bleiben möchte.

    In diesem Blog lesen Sie subjektive Beobachtungen eines Jugendbetreuers, der – vor allem auch im Sinne seiner jungen KlientInnen – anonym bleiben möchte.

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