Paris verpasst sich eine "Super-Métro"

7. März 2013, 14:51
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Zehn Millionen Menschen leben im Großraum Paris. Eine neue Métro und eine aggressive Wohnungspolitik sollen die Wirtschaft vorantreiben

Die "Super-Métro" von Paris kommt später und teurer als ursprünglich geplant. Trotzdem hält man sich mit Bescheidenheit nicht zurück. Denn schon im Vorfeld wurde nicht an Superlativen gespart. So heißt es auf der Website der französischen Regierung, das Projekt "Grand Paris Express" sei nicht nur das U-Bahnmodell der Zukunft, sondern auch richtungsweisend für höhere Lebensqualität, höhere Beschäftigungszahlen und höhere Attraktivität für die gesamte Île-de-France. Die Region, in der 30 Prozent der landesweiten Wertschöpfung stecke, würde durch das neue Métrosystem (supermétro automatique régional) in puncto Wirtschaftlichkeit zu den weltweit wichtigsten Metropolen aufsteigen, wird die mit dem Vorhaben betraute Société du Grand Paris zitiert. Der Dramaturgie noch nicht genug, wurde die offizielle Vorstellung des Projekts durch Premierminister Jean-Marc Ayrault als "historische" Rede angekündigt.

Geplanter Start 2016

Verstecken musste sich das Pariser U-Bahn-Netz bislang auch nicht. Mit knapp 220 Kilometern Gesamtlänge und 302 Stationen ist es eines der größten der Welt und bekannt dafür, dass dadurch jeder Punkt der Stadt mit nur kurzen Gehwegen erreichbar ist. Bis zum Jahr 2030 kämen mit "Grand Paris Express" 72 Stationen und 200 Kilometer dazu, führte Ayrault Mittwochabend vor 700 Abgeordneten und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern aus. Zwei bestehende Linien sollen verlängert werden, vier neue hinzukommen. Kostenpunkt: Knapp 27 Milliarden Euro - neun Milliarden mehr als ursprünglich veranschlagt, aber drei Millarden weniger als in den Berechnungen des so genannten "Auzannet-Berichts" vom Dezember 2012.

Der ehemalige Chef der Pariser S-Bahn RER, Pascal Auzannet, sah die Kosten damals bereits bei 30 Milliarden. Für Premier Ayrault steht das Projekt dennoch außer Frage. Mehr noch: Mit radikalen Maßnahmen möchte er parallel zum U-Bahn-Ausbau die prekäre Wohnsituation in den Griff bekommen. Es sei nicht akzeptabel, dass "es die Mittelschicht und die ärmsten Haushalte so schwer haben, in der Hauptstadt unterzukommen" und Mindestlohn-Bezieher sogar im Auto übernachten müssten. Daher sollen vor den Toren von Paris jährlich 40.000 bis 70.000 Wohnungen gebaut werden. Der Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, und Vertreter der Vorstädte sollen die Wohnungspolitik koordinieren. Geplanter Start ist 2016.

Angekündigt war das Métro-Projekt bereits unter dem konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Die ursprünglichen Pläne seien aber nachgebessert worden, so Ayrault. Bleibt noch die Frage der Finanzierung: Sollte sich doch die Kalkulation von Auzannet bewahrheiten, sollen die fehlenden drei Milliarden Euro unter anderem aus einer wirtschaftlicheren Nutzung der U-Bahn lukriert werden. Heißt: Bei weniger Fahrgästen außerhalb der Stoßzeiten, weniger Wagons. Die Strafen für Verkehrssünder zu erhöhen, sei ebenfalls eine Option. Falls notwendig, würde der Staat ab 2015 noch eine Milliarde zuschießen. Zumindest bis 2020 werde es keine neuen Steuern geben, verspricht Ayrault. Voraussichtlich zumindest. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 7.3.2013)

Wissen

Mit mehr als zehn Prozent ist die Arbeitslosenquote in Frankreich so hoch wie zuletzt 1999. Nach Berechnungen von EU-Konjunkturexperten wird die Wirtschaft des Landes im heurigen Jahr nur um 0,1 Prozent wachsen. Beim Defizit wird das Land Schätzungen zufolge auf 3,6 Prozent kommen und damit das Ziel um 0,6 Prozentpunkte verfehlen.

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La société du Grand Paris

Ministère de l'Égalité des territoires et du Logement

  • Das Netz der Pariser Métro soll deutlich wachsen.
    foto: reuters/john schults

    Das Netz der Pariser Métro soll deutlich wachsen.

  • Artikelbild
    foto: société du grand paris
  • Rapport de la mission sur le calendrier pluriannuel de réalisation et de financement du projet de Grand Paris Express

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