Chávez, der Verschwender

Blog6. März 2013, 21:38
87 Postings

Venezuela hat vom höheren Ölpreis kaum profitiert, selbst den Armen hätte eine andere Politik mehr gebracht

Er habe zwar viele Fehler gemacht, aber auch den Anteil der Armen in Venezuela in seinen 14 Jahren an der Macht halbiert, heißt es in zahlreichen Bewertungen des verstorbenen Präsidenten Hugo Chavez.

Doch um dessen Leistung richtig einzuordnen, muss man eine Zahl mit berücksichtigen: Bei Chavez erster Wahl Ende 1998 betrug der Ölpreis der Marke Brent 16 Dollar pro Fass. Im Sommer 2008 lag er bei 147 Dollar, und heute bei 110 Dollar.

Für eines der größten Ölexporteure der Welt bedeutete das eine gewaltige ökonomische und politische Chance. Die entscheidende Frage ist, was Chavez daraus für sein Land gemacht hat. Die eindeutige Antwort: gar nichts.

Venezuela steht wirtschaftlich heute in vieler Hinsicht schlechter da als vor Chavez. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts war im vergangenen Jahrzehnt das schwächste in Lateinamerika. Die Infrastruktur ist katastrophal, die Inflation ist dramatisch, die Staatsverschuldung ist explodiert, die Kriminalität in der Hauptstadt Caracas ist fast die höchste der Welt, die Korruption ist unerträglich. Auch die Ölproduktion, die einzige wesentliche Einkommensquelle für das Land, ist um ein Drittel  gefallen, weil Chavez qualifizierte Techniker vertrieben hat und der staatliche Ölkonzern PDVSA chaotisch gemanagt wird.

Für den Großteil der Bürger ist das Leben unter dem "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" viel schwieriger geworden. Die Ärmsten haben dank der Großzügigkeit des Staates jetzt mehr als zuvor und blieben deshalb bis zuletzt loyal zu Chavez. Aber es ist nicht verwegen anzunehmen, dass ihr Leben sich auch unter einer anderen Regierung verbessert hätte.

 Ein konservativer Präsident hätte die Sozialausgaben wohl weniger stark erhöht als Chavez. Aber wären die Gewinne aus dem hohen Ölpreis in Wirtschaftswachstum und nachhaltiger Entwicklung geflossen, dann  hätten auch die Armen vielleicht mehr davon profitiert als von Chavez' Geschenken.

Noch hat Venezuela die weltgrößten Ölreserven, und der Ölpreis dürfte auf Jahre hoch bleiben. Zukünftige Regierungen können diesen Reichtum daher noch auf sinnvollere Weise als Chavez nutzen. Vielleicht hat dieser dem Land einen Gefallen getan, die Ölproduktion durch Mismanagement schrumpfen zu lassen. So bleibt mehr für spätere Generationen.

Aber insgesamt werden die Chavez-Jahre mit etwas zeitlichem Abstand wohl auch im eigenen Land als vergeudete Chance gewertet werden, als Zeit der Stagnation und sogar des Rückschritts.

Und von Chavez' Traum, den Einfluss der USA in Lateinamerika zurückzudrängen, wird wohl auch nicht viel bleiben. Zumindest haben seine ständigen Konfrontationen und Provokationen nichts dazu beigetragen. (Eric Frey, derStandard.at, 6.3.2013)

Share if you care.