Eine krude Mischung aus Sozialist, Militarist, Populist und Nationalist

6. März 2013, 19:20
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Begegnungen mit Hugo Chávez in Venezuela: Er polarisierte und ließ keinen Platz für Differenzierungen

Caracas/Wien - Wer Hugo Chávez treffen wollte, brauchte vor allem eines: Geduld. Er war immer von einer Entourage umgeben, die ihn strikt abschirmte. Die für die Presse zuständigen Betreuer wechselten manchmal von einer Stunde zur anderen.

Das erste Gespräch 2003 kam so zustande: Tausende Anhänger pilgerten in das Armenviertel La Vega in Caracas. Wer nicht rot gekleidet war, fiel auf. Es war schwierig, sich in den Menschenmassen in die erste Reihe vorzudrängen. Aber nur so war es möglich, den auf einer Tribüne sitzenden Chávez auf sich aufmerksam zu machen. Er schickte einen jungen Soldaten, der den vorbereiteten Zettel mit der Anfrage abholte. Einen Tag später ein Anruf: Der Herr Präsident gebe ein Interview am Rande seiner Radiosendung Aló Presidente.

Hunderte stellten sich seit dem Morgengrauen an, um einen Platz zu ergattern. Gegen Mittag startete die Aufzeichnung der sonntäglichen Radioshow, einer Mischung aus Agitation, Verfassungsvorlesung, Call-in und Witzeleien. Er nannte die Oppositionsvertreter "Faschisten, Lügner und Putschisten" und rief wahllos bei Bürgern an - vorzugsweise in ärmeren Gegenden, wo er seine Anhänger hatte.

Minister live gefeuert

Es konnte auch vorkommen, dass er einen Minister live auf Sendung feuerte. Die mehr als sechs Stunden dauernden Sendungen dienten dazu, seine Macht, die der ehemalige Putschist 1998 erstmals durch Wahl erobert hatte, zu festigen.

Chávez war eine für europäische Verhältnisse schwer fassbare krude Mischung aus Sozialist, Militarist, Populist und Nationalist. Der ehemalige Fallschirmspringer hatte Charisma, demagogisches Gespür und rhetorisches Geschick, das er auch im Ausland einsetzte: Sein Auftritt vor der Uno 2006, bei dem er US-Präsidenten George W. Bush mit dem Teufel verglich, ging um die Welt. Er verteidigte die Regime in Iran und Kuba. Je länger er regierte, desto stärker wurde sein Führungsanspruch in Lateinamerika: Er mischte sich in Wahlkämpfe anderer Länder massiv ein und nutzte das im Land geförderte Erdöl als Machtinstrument. Seine Politik der Enteignung fand zuerst in Bolivien mit Evo Morales, später in Argentinien und Ecuador Nachahmer.

In Venezuela trat er mit seiner bolivarianischen Revolution an, die Lage der Armen zu verbessern. Das geschah tatsächlich: im Bildungsbereich und bei der Gesundheitsversorgung - nicht zuletzt mithilfe der Kubaner. Auf der anderen Seite verhaftete er politische Gegner und verfolgte private Medien, die sich als Teil der Opposition sahen.

Dies führte zu einer extremen Polarisierung: Selbst gegen ausländische Journalisten wurden regelrechte Hetzjagden veranstaltet. Jede und jeder musste sich deklarieren: für oder gegen Chávez - da war kein Platz für Differenzierungen.

Bei der zweiten Begegnung zwei Jahre später war es noch schwieriger, zu Chávez vorzudringen. Am Rande einer Pressekonferenz gelang es: Aus zugesagten zwanzig Minuten wurden zwei Stunden Frontalvortrag über den Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Fragen, Zweifel - die wollte Chávez nicht hören. Er lebte für seine Überzeugungen. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, 7.3.2013)

  • Interviews gab Hugo Chávez gern mit der Verfassung in der Hand, die sich auf den "Vaterlandsbefreier Simón Bolívar" beruft.
    foto: präsidentschaftskanzlei

    Interviews gab Hugo Chávez gern mit der Verfassung in der Hand, die sich auf den "Vaterlandsbefreier Simón Bolívar" beruft.

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