Kunstschnee: "Die Wirtschaft hat sich in die Schneegarantie treiben lassen"

7. März 2013, 05:30
244 Postings

Für Touristiker sind die 19.000 Schneekanonen auf Österreichs Skipisten wirtschaftlich unabdingbar

Wien - Auch wenn die warmen Temperaturen an den Skipisten knabbern: Viele Skigebiete in Österreich werden bis Ostern und darüber hinaus Wintersportvergnügen bieten können. Als Saisonende hat der Großteil der Seilbahnbetreiber Anfang/Mitte April angepeilt, die Termine dürften trotz Klimawandels, aber dank Kunstschnee halten.

Schneearme und warme Winter

Bei schneearmen und warmen Wintern, die in den vergangenen Jahren längst zur Regel und nicht zur Ausnahme geworden sind, kann nur durch Schneekanonen die Skisaison künstlich in die Länge gestreckt werden. "In der heutigen Zeit sind Beschneiungsanlagen die Basis für einen gesicherten Wintertourismus", sagt Franz Hörl, der Obmann des Fachverbandes Seilbahnwirtschaft. Gäste würden durch Beschneiung das vorfinden, was sie gebucht haben. "Es wäre nicht auszudenken, was passiert, wenn wir Ski-Openings nicht wie angekündigt durchführen können oder es nacheinander zwei schneearme Winter gibt."

19.000 Schneekanonen

Rund 19.000 Schneekanonen verrichten auf Österreichs Skipisten derzeit ihren Dienst, mehr als 70 Prozent aller Abfahrten können - oder müssen - technisch beschneit werden. Der Energieverbrauch wird auf 250 GWh pro Saison geschätzt. Die von den Touristikern garantierte Schneesicherheit kostet: Seit 2008 wurden 800 Millionen Euro in die Schneesicherheit investiert.

Auch in diesem Sommer werden wieder Millionen Euro für Beschneiungsanlagen ausgegeben. Etwa alle drei Wochen tagen in Salzburg Experten der Wasserwirtschaft und der Hydrobiologie mit Wirtschaftern, der Landesumweltanwalt Wolfgang Wiener ist in den Runden regelmäßig vertreten. "Ich habe fast keine Sitzung miterlebt, in der nicht die Notwendigkeit neuer Beschneiungsanlagen in Salzburg vorgestellt wurde", sagte er dem STANDARD. Als "rasend schnell" bezeichnet er deren Ausbau. " Bei uns in Österreich ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass man für den Tourismus Beschneiung braucht. Die Wirtschaft basiert darauf, hat sich in die Schneegarantie treiben lassen. Jetzt ist sie davon abhängig."

Speicherteiche, ein Klassiker

Fünf bis zehn Beschneiungsanlagen werden in Salzburg pro Jahr angegriffen, sagt Theodor Steidl, der Leiter des Referats Wasserwirtschaft. Das heißt, dass großteils bestehende Systeme ausgebaut oder mit modernen Geräten optimiert werden. "Ein Klassiker" sei auch die Errichtung neuer, größerer Speicherteiche. "Vor rund zehn Jahren hat das Volumen eines Speichersees 25.000 bis 30.000 Kubikmeter betragen. Jetzt ist das durchschnittliche Fassungsvermögen über 100.000 Kubikmeter Wasser", sagt Steidl.

Der Wasser- und Energieverbrauch der Schneekanonen bringt Seilbahnbetreiber in die Bredouille. So war in einem bekannten Pinzgauer Skiort im Vorjahr der größte Beschneiungsteich zu früh leer. "Die wollen jetzt einen neuen bauen", sagt Steidl. Aus Fließgewässern darf aber nur eine bestimmte Menge zur Füllung entnommen werden, um ökologische Schäden zu vermeiden. In Sportgastein musste der Speichersee des Energiekonzerns Salzburg AG angezapft werden, um beschneien zu können. Die einfache Rechnung: Das Kraftwerk kann weniger Energie produzieren, dafür verbrauchen mehr Schneekanonen mehr Energie und Wasser.

Ausgelutschtes Obertauern

Auch Obertauern könnte ein Problem bekommen. "Obertauern ist ausgelutscht", sagt Steidl. Soll heißen: Die großen Entnahmemengen durch Beschneiung sorgen dafür, dass die Speicherseen im Winter nicht mehr aufgefüllt werden können. Dazu kommt der Wasserverbrauch der Hotels. "Es hat Probleme mit Trinkwasser gegeben", sagt Steidl. "Trinkwasser sollte oberste Priorität haben. Ein Engpass ist da. Die Wirtschaft muss sich etwas überlegen."

"Die Anzahl der Schneekanonen wird noch wachsen", sagt Martin Eppacher, Österreich-Chef des Südtiroler Weltmarktführers TechnoAlpin. 400 Geräte verkauft TechnoAlpin derzeit pro Jahr nach Österreich. Die Großinvestitionen liegen aber schon einige Jahre zurück: Die Seilbahner würden eher optimieren und alte Schneekanonen mit energieeffizienten Maschinen austauschen. "Insgesamt wird der Energieaufwand nicht größer", sagt Eppacher. Aber innerhalb kürzerer Zeit können enorme Mengen an Wasser in Schnee verwandelt werden. (David Krutzler, DER STANDARD, 7.3.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Skitourismus ist von Kunstschnee abhängig geworden.

Share if you care.