Olympia Viennensis: Traum oder Albtraum?

Kommentar der anderen6. März 2013, 18:58
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Michael Häupls Bemühen, die Wiener für das olympische Feuer zu erwärmen, unter dem Eindruck der Schröcksnadel-Spiele von Schladming, unserer Leistungsstärke im politischen Wunschdenken und der Schwimmfähigkeit der magistratischen Stadtplanung

"Wer angesichts der Schladming-Eröffnung noch für eine Olympia-Bewerbung stimmt, gehört in den Zoo", schrieb ich am 4. Februar spontan und angesichts der TV-Bilder fassungslos auf Facebook. Na gut, der Potentat des Skisports und zynische Rattenfänger österreichischer Identität wird in Wien 2028 wohl nicht mehr Regie führen. Allerdings: Hat Professor Schröcksnadel nicht den Wiener Bürgermeister gerügt und Wien für Winterspiele als geeigneter diagnostiziert? Und mit einer Zelebration der sozialdemokratischen Habsburgermonarchie von Wolferl M. bis Wolferl A. können wir uns allemal noch ausreichend blamieren.

Doch sehen wir uns zunächst einige Fakten an. Aus touristischer Sicht sind die Spiele ebenso entbehrlich wie das Weltkulturerbe. Wien hat kein Image-Defizit und ist ausreichend bekannt in der Welt. Allerdings kann dieses auch für alle olympischen Städte der letzten Jahrzehnte festgestellt werden. Keine Stadt hat von den Spielen touristisch profitiert. Atlanta ist immer noch nur die Heimat von Coca-Cola und der größte Airline-Hub der Welt, und niemand fliegt nach London, Beijing, Athen oder Sydney, nur um dort olympische Ruinen zu besichtigen. Okay, das "Birds Nest" von Herzog & de Meuron in Beijing vielleicht ausgenommen.

Schwieriger ist die ökonomische Dimension zu beurteilen. Nach dem planerischen und ökonomischen Desaster der Spiele in Montreal 1976 und dem Teilboykott der Spiele von Moskau 1980 wurden die Spiele in Los Angeles erstmals als "business" konzipiert und waren auch finanziell erfolgreich. Verbunden damit war auch ein "branding", ein umfassendes Gestaltungskonzept des Erscheinungsbilds der Spiele und ihrer Austragungsorte, von Jon Jerde, Steven Spielberg (!) und der Disney-Corporation entwickelt.

Seit damals ist aber der ökonomische Aufwand für Logistik und Security gigantisch gestiegen. Das Olympische Komitee ist heute ein Weltkonzern, der jedem Austragungsort beinhart die Konditionen diktiert, so wie Bernie Ecclestone mit der Formel 1 und ja, das Firmenkonglomerat von Professor Schröcksnadel mit dem österreichischen Skisport jongliert.

Bekanntlich geschieht dies alles nach dem bekannten Rezept der privaten Gewinne und öffentlichen Investitionen. Diese können aber dennoch langfristig einen Nutzen für die Stadt bedeuten.

Somit bleibt das wichtigste Argument für die Investition in ein derartiges Spektakel der damit verbundene Entwicklungsschub für eine Stadt. Das hat Barcelona 1992 sehr radikal und London 2012 sehr klug genutzt. Nur mit einem großen Ziel kann ein großer stadtplanerischer Wurf gelingen. Nun, diesen hätte das Wien der Zukunft schon heute dringend nötig. Denn derzeit existiert keine Stadtplanung in Wien. Sie hat keine Tradition und keine tauglichen Instrumente der Stadtentwicklung, weil sie fast hundert Jahre auch nicht benötigt wurden. Eine schrumpfende Stadt muss das Vorhandene verwalten, darüber hinausgehende Ideen folgen dem üblichen Flächenzuwachs der Bedürfnisse der Eingeborenen.

Das änderte sich schon Anfang der 1990er-Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Damals sprach der Planungsstadtrat Swoboda von einer neuen Gründerzeit und dem Ziel von zwei Millionen Einwohnern.

"Verantwortungsvolle" Fremdengesetze und Zuwanderungsbedingungen verzögerten diese Entwicklung, die nun, zwanzig Jahre später, nicht mehr zu verhindern ist. Die stadtplanerischen Instrumente wurden dennoch den Bedingungen des Wachstums nicht angepasst. Wie sonst kann man erklären, dass eine so gewaltige Erneuerung einer Stadt, die sich in einer Epoche vier neue Bahnhöfe und einen Flughafenausbau leistet, mit derartigen zwischen skandalös und belanglos pendelnden, also mediokren Ergebnissen endet?

Brief ans Christkind

Hier könnte schon allein eine Bewerbung um olympische Spiele neue Kräfte freisetzen, und im Wiener Magistrat den unproduktiven und eitlen Konkurrenzkampf der stadträtlichen Fürstentümer beenden. Ganz abgesehen davon, dass die derzeitige Infrastruktur an adäquaten Sportbauten in Wien katastrophal verschlampt wurde. Typisch dafür auch, dass der Skandal um das Stadthallenbad absolut nichts mit architektonischen oder planerischen Leistungen zu tun hat, sondern einzig und allein von magistratsinternen Machtkämpfen und der Inkompetenz des Bauherrn verursacht wurde. Dabei kann man gleich auch die ewige Frage nach den Segelbewerben beantworten. Sie waren 1980 in Tallinn, 1000 km von Moskau entfernt. Da könnte sich Wien locker zwischen Hamburg und Triest entscheiden.

Also gleicht meine Einschätzung einer Bewerbung der Stadt Wien für die Olympischen Spiele 2028 einem Brief ans Christkind. Es braucht, das haben Barcelona und London gezeigt, einen starken Bürgermeister, dem die planerische und architektonische Entwicklung der Stadt ein persönliches Anliegen ist. Es braucht eine Neuorganisation des Magistrats, die zu einer ressortübergreifenden Zusammenarbeit zwingt. Es braucht also, alles in allem, eine neue Philosophie und neue Qualitäten der Stadtplanung in Wien. Wenn sich diese nur mit einer Bewerbung um die Olympischen Spiele 2028 verwirklichen lassen, soll's mir recht sein. Ich sagte Bewerbung, das reicht, denn stattfinden werden die Spiele in Wien, getreu der Musil'schen Parallelaktion, ohnehin nie. Und Michael Häupl kann in Ruhe 2029, im Jahr nach den Olympischen Spielen, seinen 80. Geburtstag feiern. Als Bürgermeister, der einen großen Traum hatte, dem aber die mieselsüchtigen Koffer seiner Stadt nicht folgen wollten. (Dietmar Steiner, DER STANDARD, 7.3.2013)

Dietmar Steiner (Jg. 1951) ist Leiter des Architekturzentrums Wien.

  • foto: corn


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