USA: Vorsichtiger Kurs auf Kerrys großer Fahrt

Analyse7. März 2013, 05:30
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Auf seiner ersten Auslandsreise hat der neue US-Außenminister pragmatisch amerikanische Interessen vertreten

Washington/Wien – Irgendwie ist es wie beim ersten Kuss. Dem Alter, in dem sich dieses Erlebnis üblicherweise einstellt, ist John Kerry zwar schon etwas länger entwachsen, trotzdem stellte sich nun auch für den 69-Jährigen die eine wichtige Frage noch einmal: Mit wem? Mochte die Antwort darauf beim ersten Schmatz für Herrn Kerry noch einigermaßen privat gewesen sein, ist sie heute, wenn es um die erste Auslandsreise des neuen amerikanischen Chefdiplomaten geht, aufs Äußerste aufgeladene Symbolpolitik.

Mit wem also. Hillary Clinton wählte für ihren ersten Trip den Fernen Osten: Japan, Indonesien, Südkorea und China. Damals hieß es, die Wahl der Destinationen zeige, dass in der US-Außenpolitik nun endgültig das pazifische Zeitalter angebrochen sei. Kerry fuhr in die genau entgegengesetzte Richtung – nach Europa, in den Nahen Osten und an den Golf. Und geschüttelte wie gerührte Transatlantiker mutmaßen, der neue Chef im State Department habe sich auf seine Zeit als Diplomatenkind in Berlin besonnen, auf seine Autofahrten durch den Alten Kontinent und das feine Essen in Frankreich, das er fließend in Landessprache bestellen kann.

Eine Politik, zwei Ausleger

Das Problem dieser Auslegung mag der interessengeleitete Pragmatismus sein, der die amerikanische Außenpolitik nicht erst seit Clinton und Kerry bestimmt. Diese Politik hat sowohl pazifische als auch atlantische Ausleger und arbeitet die Prioritäten ihre Agenda auf der einen wie der anderen Seite ab. Für Kerry sind das Teherans Atomprogramm, die Gefahr, dass Islamisten endgültig die arabischen Revolutionen kapern, und die neue weltpolitische Zurückhaltung der Vereinigten Staaten, die tatkräftigere Partner – tatkräftigere Europäer – nötig macht.

Im Auftreten war Kerry auf seiner Tour durch die europäischen Kapitalen und den Nahen Osten so professionell und zurückhaltend, wie es von einem jahrzehntelang erfahrenen Außenpolitiker zu erwarten war. Es gab keinerlei Fehltritte oder Verstimmungen. Aber auch inhaltlich gab es kaum etwas Neues. Die "Zuhörtour" des amerikanischen Außenministers zeigte, dass die USA für die Probleme in der Region nach wie vor keine ausreichenden strategischen Antworten gefunden haben. Das wird sich auch bis zu Präsident Barack Obamas Reise in dieselbe Gegend, die Kerry auch mit vorbereitet hat, nicht wesentlich ändern.

Den Ägyptern und der syrischen Opposition sagte er (finanzielle) Hilfe zu. Im Falle der Syrer blieb er allerdings die erhofften Waffenlieferungen schuldig. Den türkischen Premier ermahnte er öffentlich wegen eines antisemitischen Ausfalls. Bei den Golfanrainern sagte er, die Geduld des Westens im Atomstreit mit dem Mullah-Regime in Teheran sei "endlich". Israel ließ er aus, weil es noch keine angelobte Regierung gibt. Bei den Russen musste er einmal mehr zur Kenntnis nehmen, dass Clintons Neustart-Politik gescheitert ist. Und die Europäer versicherte er mit ein paar persönlichen Anekdoten der Wertschätzung der Vereinigten Staaten und warb nebenher um das zuletzt von Präsident Obama so hoch gehängte transatlantische Freihandelsabkommen.

Ein Politikwechsel sieht in der Tat anders aus. Andererseits lässt sich auch wenig Aufschluss aus der Reise ziehen, in welche Richtung sich die amerikanischen Positionen in den kommenden Monaten ändern könnten. Damit bestätigt sich die These, dass sich der vorsichtige Obama mit Kerry und auch dem neuen Verteidigungsminister Chuck Hagel zwei vorsichtige Partner für seine zweite Amtszeit gesucht hat. Die Antwort der "Mit wem"-Frage hat in diesem Fall wohl mehr Bedeutung nach innen als nach außen. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 7.3.2013)

  • John Kerry wählte London als erste Station seiner Reise (links im Bild mit Premier David Cameron). 
 
    foto: epa/dan kitwood

    John Kerry wählte London als erste Station seiner Reise (links im Bild mit Premier David Cameron).

     

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    Danach traf er unter anderem auf seinen russischen Amtskollegen Sergei Lawrow (rechts) ...

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    ... den französischen Präsidenten François Hollande (links) ...

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    ... und den ägyptischen Präsidenten Mohammed Morsi, dem er 250 Millionen Dollar Finanzhilfen zusagte.

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