Die Illusion der Aktienrekorde

6. März 2013, 17:55
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Der US-Leitindex Dow Jones notiert auf einem neuen Allzeit-Hoch. Wegen der Inflation schauen Anleger aber immer noch durch die Finger

Der US-Leitindex Dow Jones notiert auf einem neuen Allzeithoch. Wegen der Inflation schauen Anleger aber immer noch durch die Finger. Zudem mahnen Experten, dass die jüngste Erholung an den Märkten wegen Unsicherheiten nicht gerechtfertigt ist.

Wien - Die Krise? Vergeben und vergessen. Der US-Aktienindex Dow Jones Industrial Average, ein Indikator für den Zustand der wichtigsten Unternehmen in der weltweit größten Volkswirtschaft, ist auf ein neues Allzeithoch gestiegen. Über 14.250 Punkte stehen nun auf der Kurstafel, mehr als jemals zuvor. Damit ist der Index über das bisherige Hoch vom Oktober 2007 geklettert.

Doch Anleger sollten nicht vorschnell euphorisch werden, warnt Martin Weber, Professor für Bankbetriebslehre an der Universität Mannheim. Denn viele Investoren fallen auf die "Geldillusion" herein und vergessen beim Anlegen auf die Inflation. "Sie können nicht mit realen Werten umgehen", sagt Weber. Denn Geld ist nicht immer gleich viel wert. Wegen der Inflation von durchschnittlich zwei Prozent verlieren Investoren in zehn Jahren ein Viertel ihrer realen Kaufkraft. In den USA ist die Kaufkraft seit Oktober 2007 um 10,5 Prozent gefallen, gemessen am Konsumentenpreisindex. Damit sind die US-Märkte noch zehn Prozent unter dem damaligen Höchststand. Vom realen, inflationsbereinigten, Höchststand zu Zeiten der Dotcom-Blase sind es über zwölf Prozent. Der deutsche Leitindex Dax und der heimische ATX sind noch deutlicher vom realen Höchststand entfernt (siehe Grafik).

Nichtsdestotrotz konnten Anleger in den vergangenen fünf Jahren Geld mit Aktien verdienen. Seit dem Tiefstand des Dow im März 2009 hat sich der Wert der wichtigsten US-Aktien um 117 Prozent erhöht. Anleger setzen damit auf eine stärkere Wirtschaft. Doch die Aktienerholung steht nicht nur auf festem Fundament:

- Geldpolitik: Seit dem Ausbruch der Finanzkrise haben die Notenbanken weltweit die Leitzinsen gesenkt. Mit dem Ankauf von langfristigen Schuldpapieren sind auch die längerfristigen Renditen massiv gefallen. So erhalten Investoren heute auf zehnjährige Staatsanleihen in den USA oder Deutschland zwischen 1,5 und 1,95 Prozent (vor Ausbruch der Finanzkrise waren es über 4,5 Prozent). Das hat die Aktienmärkte unterstützt, denn niedrige Zinsen bei Anleihen machen Aktien interessanter. Zudem konnten Unternehmen ihre Bilanzen reparieren.

- Gewinne: Analysten wie James Paulsen, Anlagestratege bei Wells Fargo in den USA, betonen, dass die hohen Aktienkurse gut untermauert sind: "Der aktuelle Bullenmarkt ist das Resultat von fundamentalen Verbesserungen und nicht die Folge der Notenbankpolitik der Fed." Denn aktuell liegen die jährlichen Gewinne der US-Unternehmen bei 1742 Milliarden Dollar (1340 Mrd. Euro), ein Allzeithoch. Noch nie gab es so hohe Unternehmensgewinne im Vergleich zur Gesamtwirtschaft. Aktuell sind es laut Daten der Fed mehr als elf Prozent, in den vergangenen 30 Jahren waren es im Schnitt aber nur 6,2 Prozent.

- Wirtschaftslage: James Montier, Investmentexperte bei der US-Vermögensverwaltung GMO, warnt, dass die Rekordgewinne nicht nachhaltig sind. Denn sie sind auf Kosten der Investitionen und der Einkommen der Arbeitnehmer gegangen. Dieser Trend lasse sich nicht ewig fortsetzen, weil etwa die Konsumenten höhere Löhne brauchten, um mehr einzukaufen. Doch die Arbeitslosigkeit in den USA bleibt mit 7,7 Prozent historisch hoch, die breiter gefasste Unterbeschäftigung - dazu zählen etwa Personen, die Vollzeitstellen suchen, aber nur Teilzeit arbeiten - liegt bei 14,4 Prozent. Dario Perkins, Ökonom beim unabhängigen Researchhaus Lombard Street Research, warnt Anleger daher: "Es hat sich eine Schere zwischen Aktienmärkten und der Realwirtschaft geöffnet." In den kommenden Monaten müssten sich also die Wirtschaftsdaten verbessern, um die vorgezogene Feier an den Aktienmärkten zu rechtfertigen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 7.3.2013)

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    Partystimmung mit vorprogrammiertem Kater? Vom neuen Punkterekord bei der US-Leitbörse Dow haben Anleger real noch nichts.

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