"Dies im Namen des Bluts!"

6. März 2013, 17:48
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Eine Ausstellung in der Nationalbibliothek dokumentiert den März 1938 der Kulturtäter und der Opfer

Wien - "Auch zahlreiche Künstler und Intellektuelle beteiligten sich tatkräftig an der Verherrlichung der nationalsozialistischen Politik": Mit diesem Satz auf der ersten Schautafel legt die Ausstellung Nacht über Österreich. Der Anschluss 1938 - Flucht und Vertreibung einen Schwerpunkt fest. Im Prunksaal der Nationalbibliothek geht sie den Spuren nach, die die Ereignisse vor und nach dem März vor 75 Jahren unter Kulturschaffenden hinterlassen haben.

Wie wirr und gelenkt zugleich, wie krass die Krise in die Katastrophe umschlug, das belegen Fotos, Plakate, Stimmzettel, Flugblätter; und auch Hymnen und "Bekenntnisbücher", in denen Waggerl (Hitlers "befreiende Kraft einer wahrhaft großen Menschlichkeit") oder Weinheber ("Dies im Namen des Bluts!") den Anschluss feierten. Universitätsprofessoren verbreiteten sich über "biologische Abstammungsnachweise". Ausschnitte aus UFA-Wochenschauen belegen sowohl die damalige Begeisterung vor den Fenstern der Nationalbibliothek als auch die geschickte Regie der NS-Propaganda. Die fünf Kuratoren haben das Material zu einer übersichtlichen und nüchternen Schau zusammengestellt und in einem entsprechenden Katalog (Residenz-Verlag) herausgegeben.

Den Exzessen der völkischen Seite sind in der zweiten Hälfte der Nacht über Österreich die exemplarischen Schicksale derer gegenübergestellt, die sie erlitten und schlecht und recht oder gar nicht überlebt haben. Robert Neumann, Erich Korngold, Berta Zuckerkandl etwa oder die Malerin Soshana Afroyim (eine Überlebende, die zurzeit in der Galerie Szaal ausstellt): Ihre Tagebucheintragungen, Briefe, Fotos lassen etwas von den Brüchen in den Biografien erahnen.

Besonders beklemmend gerät das bei der Erinnerungsstücken des 1913 in Wien geborenen Adolf Placzek: Vom 15. Februar 1938 gibt es zwei Karten für den Opernball, kurz darauf die Absicht, so das Tagebuch, seine Maria Dita zu heiraten. Am 1. Juli wird ihm noch ein guter Studienerfolg in Kunstgeschichte bescheinigt, doch schon vorher das Weiterstudium verboten. Im März 1939 schließt er eine Ausbildung zum Zahntechniker erfolgreich ab. Einen Monat später muss er ein Formular "Reisegepäck des Auswanderers", bis zum letzten Bleistift aufgelistet, unterschreiben lassen, ordentlich abgestempelt mit Hakenkreuz. (Michael Freund, DER STANDARD, 7.3.2013)

Bis 28. April

  • Reisepass des 17-jährigen Erich Fried für die Reise ins englische Exil, August 1938.
    foto: önb

    Reisepass des 17-jährigen Erich Fried für die Reise ins englische Exil, August 1938.

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