Kollektive Feldarbeit

6. März 2013, 18:06
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Andrei Monastyrski gilt als geistiger Vater des Moskauer Konzeptualismus

Wien - Eine Gruppe Menschen stapft über ein weites, schneebedecktes Feld. An einer Waldlichtung angekommen, ziehen sie Bilder aus einem Karton. Es handelt sich um 22 Porträts - Bildnisse deutscher Romantiker (Novalis, E. T. A. Hoffmann, die Gebrüder Grimm etc.), die man an ein Seil knüpft und über dem Feld schwingen lässt.

Das in der Galerie Charim präsentierte Video Rope dokumentiert die 109. Aktion (2007) der Gruppe Kollektive Aktionen, die der 1949 geborene russische Künstler Andrei Monastyrski im Jahr 1976 gegründet hat.

Die unter dem Thema Reisen aus der Stadt subsumierten Aktionen waren, so Boris Groys, von Anfang an wichtiger Bestandteil einer sich formierenden Gegenöffentlichkeit, die viel zur Selbstinstitutionalisierung des Moskauer Konzeptualismus beigetragen hat.

Genauso wichtig wie die Auseinandersetzung mit Schriftstellern und Philosophen war für die jahrzehntelang im Untergrund agierende Gruppe immer auch ihre nonkonformistische Haltung. Sie zogen gegen die offizielle Kunst ins Feld - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Schließlich führten alle ihre Aktionen aufs Land. So versuchte man auch, dem Versammlungsverbot zu entgehen.

In der Ausstellung erzählen drei Videodokumentationen von der Flüchtigkeit dieser Ausflüge; gleichzeitig machen sie deutlich, dass es der Gruppe viel weniger um politische Themen als um existenzielle Erkenntnisse und geteilte Erfahrungen ging: "In streng ästhetischem Sinne könnte man die (...) Aktionen als Versuche charakterisieren, die Wahrnehmung gewöhnlichen Erscheinens, Verschwindens, Sich-Entfernens, die Wahrnehmung gewöhnlichen Lichts, Klangs und so weiter, ungewöhnlich zu machen", schrieb Andrei Monastyrski 1980 über die Aktionen.

Trotz aller Ernsthaftigkeit mangelte es ihren Aktionen aber ebenso wenig an Humor wie Monastyrskis jüngsten Soloarbeiten: Die Fotoserie Moskau. Selbstporträts zeigt den 63-jährigen Künstler mit extrablödem Gesichtsausdruck vor bekannten städtischen Marken. In ein kleines Nilpferd aus Porzellan hat er sein Gesamtwerk in Form einer Speicherkarte gepackt.

Seine 1996 begonnene Fotoserie Goldene Linien verweist noch auf einen weiteren Einflussbereich: Die Aufnahmen zeigen relativ alltägliche Situationen, auf die Monastyrksi mit geheimnisvoll-vergeistigten Zeichen auch sein Wissen um alte fernöstliche Lehren angewandt hat. (Christa Benzer, DER STANDARD, 7.3.2013)

Bis 28. 4., Galerie Charim
Dorotheergasse 12/1, 1010 Wien

www.charimgalerie.at

  • Blöde Gesichter schneidet Andrei Monastyrski in der Fotoserie "Moskau. Selbstporträts", in der er an markanten Orten der Stadt posiert. 
    foto: galerie charim

    Blöde Gesichter schneidet Andrei Monastyrski in der Fotoserie "Moskau. Selbstporträts", in der er an markanten Orten der Stadt posiert. 

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