Im Amt für Seelensicherheit

6. März 2013, 17:54
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Christian Lollikes Stück "Das normale Leben" in Wien

Wien - Das Horrorstück der Stunde stammt von einem dänischen Autor. Ausgerechnet, wähnt man die sympathischen Dänen doch unter dicken Wohlstandsdaunen begraben.

In Das normale Leben (Untertitel: Körper und Kampfplatz) des in Kopenhagen arbeitenden Regisseurs und Dramatikers Christian Lollike (40) sitzen drei Anfangdreißiger beim trauten Schwätzchen zusammen. Eine der beiden Damen bekennt: "Ich fühle mich verfolgt." Ein allgemeines Rätselraten hebt an. Der junge Mann hat schließlich die passende Erklärung parat: "Das ist die innere Stasi!" Mit einem Schlag ist das Wertefundament der kleinen Latte-Macchiato-Gemeinschaft gesprengt, das Handeln wie gelähmt.

Was nun beginnt, gleicht einer szenischen Gewissenserforschung. Hans Peter Kellner hat sie aus Anlass der Erstaufführung im Wiener Theater Drachengasse wunderbar federleicht ins Szene gesetzt.

Drei Wohlstandsbürger haben den Anpassungsdruck, den eine namenlos bleibende Zwangsmacht mit Gesetzen und Geboten auf sie ausübt, komplett verinnerlicht. Jede Regung ist von Angst kontaminiert. Lollikes unscheinbarer Text klebt am Alltag: A, B und C (Katrin Grumeth, Karin Yoko Jochum und Thomas Groß) stellen ihre Erfahrungen wie Beweisstücke aus. Jeder tut sein Bestes. Das Gewissen leidet bei jedem Bissen Torte Höllenqualen. Man heuchelt im Umgang miteinander Liberalität und Verständnis und möchte doch am liebsten kotzen. Lollikes Überlebenskünstlern ergeht es ein bisschen wie jenem Kafka-Helden, der eines morgens als abstoßender Käfer aufwacht.

Lollikes Konzept der "inneren Stasi" ist ein höhnisches Echo auf die alten Disziplinierungsideen, wie sie Michel Foucault in all ihrer Unausweichlichkeit beschrieben hat. Meldepflichtig sind die inneren Sicherheitskräfte bei der "Aufsicht für seelische Angelegenheiten". Während die alten Zwangsmächte sich noch der Körper bemächtigten, um die Menschen von außen zu disziplinieren, so lässt die moderne Kontrollgesellschaft ihre Teilnehmer für sich arbeiten. Zwischen " Push-ups, Sit-ups, Spinning, Springen und Yoga" bleibt kaum noch Zeit, Mut zu schöpfen. Die Grenzlinie zwischen Arbeit und Freizeit ist ohnedies verwischt.

Der Theatermacher Lollike hat in Lima (Peru) gearbeitet und in Aarhus szenisches Schreiben studiert. Seine schmerzhaften Gesellschaftsbeobachtungen kommen ohne jede Besserwisserei daher. Die Idee zu Das normale Leben sei ihm gekommen, als er seine Kinder beim Älterwerden beobachtete. Lollike hat vor einiger Zeit auch ein Stück über den rechtsradikalen Massenmörder Breivik geschrieben. Von diesem freundlich wirkenden Dänen wird man noch hören. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 7.3.2013)

  • Dramatiker Christian Lollike. 
    foto: standard/matthias cremer

    Dramatiker Christian Lollike. 

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